„Digitale Teilhabe ist mehr als nur Zugang zur Technik“
von Giulia Neumeyer, 5. März 2026
Wie können Medien nicht nur Türen öffnen, sondern Mauern einreißen? Digitale und klassische Medienakteure können gesellschaftliche Vielfalt sichtbar machen und allen Menschen Teilhabe ermöglichen – unabhängig von individuellen Voraussetzungen. Für Dr. Susanne Eggert vom JFF, dem Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, bedeutet Barrierefreiheit vor allem eines: Sichtbarkeit und die Möglichkeit zur Mitgestaltung. Vor ihrer Keynote auf den Chiemgauer Medienwochen haben wir mit ihr darüber gesprochen, wie Gaming Menschen auf Augenhöhe zusammenbringt und wie wir den Spagat zwischen Jugendschutz und echter Teilhabe meistern.
Warum echte Inklusion Repräsentation braucht
Wir schreiben das Jahr 2026 mit unzähligen Möglichkeiten zur digitalen Teilhabe. Aber ist eine gute Auswahl wirklich so einfach?
Dr. Susanne Eggert: Die Möglichkeiten sind enorm gewachsen. Aber die Orientierung ist dadurch nicht automatisch einfacher geworden. Digitale Teilhabe bedeutet nicht nur Zugang zu Geräten und Internet, sondern auch Zugang zu verständlichen, barrierefreien Informationen, zu passenden Formaten und vor allem auch zu sicheren Räumen. Das gilt für uns alle, insbesondere aber für Kinder und Jugendliche, für junge Menschen in marginalisierten Gruppen, die oft besondere Bedürfnisse haben. Das sind zum Beispiel Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung oder jene, die in benachteiligenden sozialen Verhältnissen aufwachsen oder auch queere junge Menschen. Sie stehen vor der Aufgabe, die passenden Angebote für sich zu finden. Das ist eine große Herausforderung und für manche eine unlösbare Aufgabe.
Digitale Teilhabe braucht deshalb Begleitung, Transparenz und verlässliche Strukturen. Es reicht nicht, Angebote bereitzustellen. Wir müssen sie auch verständlich, zugänglich und einordbar machen.
Oft denken wir bei Barrierefreiheit nur an Untertitel oder Vorlese-Funktionen. Was bedeutet „echte“ mediale Teilhabe für Sie – geht es da nicht viel mehr um Sichtbarkeit und das Gefühl, gemeint zu sein?
Eggert: Untertitel oder Screenreader sind wichtig, aber zu echter medialer Teilhabe gehört mehr als nur der Zugang zur Technik.
Es geht darum, dass Menschen und ihre Perspektiven sichtbar sind. Und sie müssen die Möglichkeit haben, Inhalte nicht nur zu konsumieren, sondern sie auch (mit-)gestalten zu können.
Dr. Susanne Eggert, fachliche Direktorin des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis
Inklusion im digitalen Raum heißt Zugang zu digitalen Angeboten, verständliche Sprache, vielfältige Repräsentation, partizipative Formate und die Möglichkeit, sich selbst einzubringen und dadurch Gesellschaft mitzugestalten.
Gaming als digitaler Schulhof ohne Barrieren
Gaming wird oft kritisch beäugt. Dabei zeigen Projekte wie InGame – Medienbildung inklusive mit digitalen Spielen, dass gerade hier Inklusion stattfinden kann. Wie genau funktioniert das? Wie können Kinder mit und ohne Behinderung im digitalen Raum auf Augenhöhe spielen, was auf dem Schulhof vielleicht schwerer fällt?
Eggert: Digitale Spiele sind Räume, in denen Kinder und Jugendliche Kontakte knüpfen und miteinander kommunizieren und interagieren können, ohne dass es dabei eine Rolle spielt, woher sie kommen, wie sie aussehen oder ob sie eine Behinderung haben. Das einzige, was zählt, ist das Spiel und sind die Spielziele, die es gilt, gemeinsam zu erreichen. Da spielt es keine Rolle, ob der Cursor mit der Hand oder dem Mund bedient wird und es ist auch egal, ob ein Jugendlicher mit einer geistigen Behinderung ein Spiel spielt, das eigentlich für Kinder gedacht ist.
Wenn ein Kind auf dem Schulhof nicht mitspielen kann, weil es im Rollstuhl sitzt, dann fällt diese Hürde im digitalen Spiel weg und auch Sinnesbeeinträchtigungen können im digitalen Spiel durch entsprechende Spielmechaniken ausgeglichen werden.
Dr. Susanne Eggert, fachliche Direktorin des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis
Hier kommt es allerdings zum Teil auch darauf an, dass sich die Mitspieler:innen darauf einlassen, beispielsweise, dass über den Chat kommuniziert wird, um einem:einer Mitspieler:in mit einer Hörbeeinträchtigung die Chance zu geben, sich zu beteiligen, oder andersrum der Voicechat genutzt wird, den auch ein blindes Teammitglied hört.
Wichtig ist allerdings, das machen die Beispiele deutlich, dass erstens Spiele inklusiv gestaltet sein müssen und Barrieren durch alternative Möglichkeiten umgangen werden können. Zweitens müssen pädagogische Spielesettings so gestaltet sein, dass eine offene, wertschätzende Atmosphäre herrscht, in der die Einzelnen anerkennen, dass gemeinsames Spielen dann möglich ist, wenn die Voraussetzungen entsprechend angepasst werden.
Jugendschutz vs. Teilhabe: Warum Verbote zu kurz greifen
Bei Games und Social Media werden derzeit viele Kehrseiten diskutiert. Entwicklungen wie steigende Gewaltbereitschaft, Hassrede oder Suchtgefahr überlagern den Nutzen. Was können wir tun, um Kinder und Jugendliche davor zu schützen?
Eggert: Momentan zielt die Diskussion stark darauf ab, Kinder und Jugendliche zu schützen, indem ihnen der Zugang zu bestimmten Angeboten verboten wird. Diese Diskussion greift zu kurz. Wir müssen auf mehreren Ebenen ansetzen: Wir brauchen zunächst einen strukturellen Jugendmedienschutz, der die Plattformbetreiber in die Verantwortung nimmt.
Wir müssen zudem dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche einen reflektierten, zielgerichteten und verantwortungsbewussten Medienumgang entwickeln, der sie dazu befähigt, digitale Medien ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend in Gebrauch zu nehmen. Dafür muss Medienbildung schon in der Kita umgesetzt werden und verpflichtend in den schulischen Curricula von der ersten Klasse bis zu den Abschlussklassen verankert sein.
Kinder und Jugendliche brauchen außerdem sichere Räume, in denen sie Erfahrungen machen und sich ausprobieren können und dabei pädagogisch begleitet werden. Dafür müssen wir Angebote der Offenen Kinder- und Jugendarbeit stärken. Eine weitere Voraussetzung dafür, dass junge Menschen bei der Entwicklung eines kompetenten Medienhandelns in der schulischen wie auch in der außerschulischen Bildung gut unterstützt werden können, sind qualifizierte pädagogische Fach- und Lehrkräfte. Vor diesem Hintergrund muss Medienpädagogik ein verpflichtender Bestandteil in allen pädagogischen Ausbildungs- und Studiengängen sein.
Wir brauchen attraktive, kindgerechte, nicht-kommerzielle Online-Angebote, in denen Kinder den Umgang mit Social Media lernen können. Entsprechende Angebote müssen wieder (stärker) gefördert werden.
Dr. Susanne Eggert, fachliche Direktorin des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis
Nicht zuletzt müssen wir auch die Eltern mitnehmen. Viele Eltern sind überfordert bei der Medienerziehung ihrer Kinder. Hier bedarf es passgenauer Angebote, die auf die unterschiedlichen Familiensituationen abgestimmt sind.
Gerade über Social-Media-Verbote für Jugendliche wird aktuell viel diskutiert (z. B. nach dem australischen Vorbild). Kritiker:innen sagen: Insbesondere für isolierte Jugendliche oder solche mit Mobilitätseinschränkungen ist das Netz oft das einzige Tor zur Welt. Würde uns eine harte Altersgrenze bei der Inklusion zurückwerfen?
Eggert: Ja, mit Blick auf den Inklusionsgedanken würde uns das zurückwerfen!
Gerade für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, aus sozial benachteiligenden Situationen, beispielsweise geflüchtete oder arme Jugendliche oder auch queere Jugendliche, sind Social Media eine wichtige Sozialisationsinstanz.
Dr. Susanne Eggert, fachliche Direktorin des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis
Um ihre eigene Identität auszubauen, ist der Austausch mit Gleichaltrigen immens wichtig. Hier messen sie sich miteinander, setzen sich mit jugendkulturellen Themen auseinander, gleichen ihre Haltungen und Einstellungen ab und entwickeln so ein eigenes Werte- und Normensystem.
Ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung mit und Teilhabe an jugendkulturellen Angeboten. Aus unterschiedlichen Gründen fehlen jungen Menschen mit Behinderung oder jenen, die in sozial schwierigen Verhältnissen aufwachsen, diese Gelegenheiten im Alltag oft. Gleichzeitig finden sie entsprechende Räume in Social Media.
Ihnen diese Möglichkeiten zu verwehren, wäre nicht fair und würde dazu beitragen, dass sie selbst und ihre Bedürfnisse weniger sichtbar sind. Das widerspricht dem Ziel einer vielfältigen Gesellschaft.
Können Sie Beispiele für gut umgesetzte, inklusive Medienprojekte, Apps und andere Angebote nennen?
Eggert: Am JFF, aber nicht nur, gibt es einige Beispiele. Inklusive Medienprojekte bei uns zeichnen sich dadurch aus, dass sie Mitgestaltung, Sichtbarkeit und wirkliche Teilhabe ermöglichen.
Ein aktuelles Beispiel ist das Projekt „InGame – Medienbildung inklusiv mit digitalen Spielen“, das wir gemeinsam mit der TH Köln umgesetzt haben. Dort wurden Leitlinien entwickelt, wie digitale Spiele so gestaltet und in pädagogischen Kontexten eingesetzt werden können, dass junge Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen gleichberechtigt teilnehmen können, Barrieren abgebaut werden, sich alle mit ihren Stärken einbringen können und dadurch Chancen für Teilhabe geschaffen werden. Die Ergebnisse stehen öffentlich zur Verfügung und können als Praxis- und Orientierungsrahmen dienen (Leitlinien;Leit-Linien in leichter Sprache).
Darüber hinaus bieten wir konkrete medienpädagogische Qualifizierungsmöglichkeiten für pädagogische Fachkräfte an. In E-Coachings zu inklusiver Medienarbeit können Fachkräfte konkrete Methoden und Tools kennenlernen, um inklusive Projekte vor Ort umzusetzen.
Auch unser GamesFestival zeigt inklusive Potenziale: Es geht nicht nur ums Feiern von Spielekultur, sondern darum, junge Menschen wirklich mitzunehmen, etwa in partizipative Formate, kreative Workshops und Präsentationsmöglichkeiten, die ganz unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar machen und miteinander verknüpfen. So gab es 2025 eine Juniorfestivalleitung mit Behinderung und es wird bei jedem GamesFestival auf Barrierefreiheit und Austauschmöglichkeiten für alle geachtet.
Ein ganz klassisches medienpädagogisches Projekt ist „einsmehr medienstark“. Zielgruppe des Projekts sind junge Menschen mit Down-Syndrom und ihre medienbezogenen Bedürfnisse. Ein Schwerpunkt liegt auf Social Media, den damit verbundenen Möglichkeiten und Herausforderungen. Neben den beteiligten Jugendlichen sind auch ihre Eltern eine wichtige Zielgruppe des Projekts. Kontinuierlich werden ihnen Hilfsangebote für ihre Medienerziehung gemacht und ihre Fragen aufgegriffen.
Inklusion bedeutet für uns, Strukturen, Inhalte und Formate so zu gestalten, dass sie Vielfalt berücksichtigen und Beteiligungsmöglichkeiten für alle eröffnen.
Dr. Susanne Eggert, fachliche Direktorin des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis
Von welchem Alter an sollte Medienkompetenz geschult werden?
Eggert: Medienkompetenzförderung muss ab dem Zeitpunkt erfolgen, zu dem ein Kind ein Interesse an Medien zeigt. Hier sind zunächst insbesondere die Eltern in ihrer Medienerziehung gefordert. Die Begleitung von Kindern bei ihrer Medienaneignung darf aber nicht allein bei den Eltern liegen. Auch in den Einrichtungen der frühen Bildung muss akzeptiert werden, dass digitale Medien heute ab dem ersten Lebenstag eines Kindes zu dessen Alltag gehören. Damit sind Chancen, aber auch viele Fragen und Herausforderungen verbunden. Frühe Medienbildung muss deshalb auch schon in der Kita fest verankert sein.
Welche kleine Veränderung kann jeder und jede von uns morgen im Umgang mit Medien umsetzen, um das Netz ein kleines bisschen barrierefreier zu machen?
Eggert: Der erste Schritt ist, sich bewusst zu machen, dass Menschen sehr unterschiedlich sind. Wenn ich alle einbeziehen will, dann muss ich so kommunizieren, dass alle sich angesprochen fühlen. Das gelingt durch wertschätzende Kommunikation.
Dann muss ich dafür sorgen, dass alle verstehen, was ich ausdrücken will. Hier bieten die Medien viele Möglichkeiten von der Schriftsprache über die gesprochene Sprache, auf dem Level der schwierigen Sprache – das ist die, die für uns oft normal ist –, der einfachen oder leichten Sprache oder auch in mehreren Sprachen. Außerdem kann ich das, was ich ausdrücken will, bildlich unterstützen.
Und last but not least ist es sinnvoll, bei Inhalten, die ich teilen will, erst einmal nachzuschauen, woher sie eigentlich kommen, wer die:der Absender:in ist, und Quellen zu prüfen, auf die verwiesen wird. Wenn wir diese Regeln beachten, sind wir einer inklusiven Gesellschaft schon ein Stück näher.
Dr. Susanne Eggert bei den Chiemgauer Medienwochen
Vom 9. bis 27. März widmet sich die Veranstaltungsreihe der zentralen Frage: Wie können Medien Türen öffnen und Teilhabe für alle Menschen ermöglichen – unabhängig von individuellen Voraussetzungen?
Am 11. März hat Dr. Susanne Eggert die Chiemgauer Medienwochen mit ihrem Impulsvortrag offiziell eröffnet.






