Swipen, lernen, verstehen? Wie interaktive Medienformate auf neue Nutzungsweisen setzen

von Giulia Neumeyer, 12. August 2025

Wischen statt scrollen, tippen statt lesen – Inhalte und Nachrichten erreichen junge Zielgruppen heute oft spielerischer als früher. Doch wie tiefgehend ist Verständnis, wenn Wissen und News sich anfühlen wie ein Game? Und was können Medienhäuser daraus lernen?

Dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne immer weiter sinkt, ist längst kein Geheimnis mehr. Der Microsoft Attention Spans Research Report markierte bereits vor zehn Jahren den Trend, dass der digitale Lebensstil die Fähigkeit zur längeren Konzentration verringert. Wo die Aufmerksamkeitsspanne zur Jahrtausendwende noch bei rund 12 Sekunden lag, waren es im Jahr 2015 nur noch acht. Gleichzeitig wächst durch die ständige Reizüberflutung die Fähigkeit, Neues schneller zu verarbeiten. Klassische Nachrichtenformate geraten dadurch unter Druck: Sie sollen immer mehr Inhalte in immer kürzerer Zeit liefern, um relevant zu bleiben. Zugleich sehnen sich Menschen nach Orientierung, Kontext und echtem Wissen – allerdings anders vermittelt als früher. Reine Information reicht oft nicht mehr aus, wenn alles wichtig erscheint, schnell konsumiert und ebenso schnell vergessen wird.

Interaktive Formate setzen genau an diesem Punkt an: Sie holen Nutzer:innenin ihrer Lebenswelt ab und machen sie zu aktiven Teilnehmenden statt passiven Konsument:innen. Ob als Quiz, Stream, Swipe-Story oder gamifiziertes Lernformat – interaktive Medienangebote verändern, wie wir Informationen aufnehmen und verarbeiten. Aber wie wirksam sind sie wirklich? Und gibt es bereits Formate, die das Potenzial haben, auch journalistische Inhalte nachhaltig zu vermitteln?

Nachrichten für die Gen Z: Wie Newsreel junge Menschen erreichen will

In Deutschland beziehen bereits 50 Prozent der 18- bis 24-Jährigen regelmäßig Nachrichten über soziale Medien – für etwa 30 Prozent dieser Altersgruppe ist das sogar die wichtigste Quelle. Gleichzeitig berichten viele junge Menschen von Informationsmüdigkeit: 43 Prozent sind laut Digital News Report 2025 von den Nachrichtenmengen erschöpft und knapp ein Fünftel hat das Gefühl, mit den Inhalten nichts anfangen zu können.

Social Media statt klassischer News: Wie die Gen Z sich informiert

Social Media ist für die Generation Z die Hauptnachrichtenquelle. Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube prägen, wie sie informiert werden. Das bringt neue Chancen, aber auch Herausforderungen wie die Verbreitung von Fake News mit sich.

Medienhäuser reagieren mit Formaten, die komplexe Themen einfach und unterhaltsam aufbereiten und so das Interesse der jungen Zielgruppe wecken und stärken.

Mehr zum Thema in unserem Netzwerkwissen zu Social Media als Nachrichtenquelle.

Diese Entwicklung macht deutlich: Junge Zielgruppen wollen informiert sein – aber anders als bisher. Genau hier setzt die App Newsreel an. Im Frühjahr 2024 gelauncht, kombiniert sie journalistische Updates mit einem Story-Format, das gezielt auf junge Nutzer:innen zugeschnitten ist. Aktuell veröffentlicht Newsreel drei bis vier textlich reduzierte Nachrichten-Stories pro Tag mit Schwerpunkt auf Politik und Außenpolitik im Swipe-Karussell, ergänzt durch Quizfragen, Timeline-Kontexte und ein Streak-System, ähnlich wie bei Sprachlern-Apps.

Hinter Newsreel steht der Journalist und Fulbright-Stipendiat Jack Brewster, der unter anderem in München zum Thema Nachrichtenvermeidung und Mediennutzungsverhalten geforscht hat. Seine Forschungsarbeit diente als Grundlage für das Ziel der App: Einen praktikablen Einstieg für Nachrichten-Neugierige zu schaffen.

Stell dir vor, Duolingo und die New York Times hätten ein Baby – das ist Newsreel.

So beschreibt Brewster seine App auf Kickstarter. Der Vergleich bringt auf den Punkt, worum es bei Newsreel geht: Nachrichtenvermittlung mit den Mitteln des spielerischen Lernens. 

Die erfolgreiche Sprachlern-App Duolingo setzt bereits seit 2011 auf kurze Lerneinheiten, eine klare Zielstruktur, tägliche Erinnerungen, Punktesysteme und Fortschrittsanzeigen. Das Erfolgsrezept: Lernen wird als Challenge inszeniert, Nutzer:innen bleiben durch visuelle Belohnungen, Streaks und Leaderboards motiviert. Dieses Prinzip will Newsreel auf Nachrichten übertragen. 

In einer Fallstudie an der Penn State University erzeugte das Streak-Feature im Frühling 2025 nachhaltig Engagement: 47 Prozent der Studierenden folgten 20 Tage lang täglich den Stories, 75 Prozent nannten die Gamification-Elemente motivierend und fast 65 Prozent wollten die App auch nach dem verpflichtenden Projekt weiter nutzen. 

Kritiker:innen warnen jedoch, dass sich Nachrichten durch die spielerische Aufbereitung entwerten könnten: Wie tiefgehend ist die Information, wenn Inhalte in wenigen Sekunden vermittelt werden? Newsreel begegnet dieser Kritik mit einem modularen Ansatz – wer mehr wissen möchte, darf tiefer eintauchen.

Die psychologische Perspektive: Wie Interaktivität und Gamification die Informationsverarbeitung beeinflussen

Welche Wirkung interaktive, spielerische Elemente auf das Lernen haben, wurde in den vergangenen Jahren mehrfach psychologisch untersucht. Eine zweijährige Langzeitstudie mit 617 Teilnehmenden aus dem Sekundar- und Hochschulbereich zeigt: Gamifizierte Workshops steigern im Vergleich zu klassischen Formaten den Wissenserhalt signifikant und führen zu höheren Erfolgs- und Abschlussquoten. 

Auch im Kontext journalistischer Inhalte konnten positive Effekte nachgewiesen werden. Beim Lernen von Nachrichten-Englisch etwa erwies sich Gamification nicht nur für leistungsstärkere, sondern auch für -schwächere Teilnehmende als hilfreich. Die spielerischen Elemente wurden dabei nicht nur als unterhaltsam, sondern auch als förderlich für das Inhaltsverständnis und den Wortschatzerwerb wahrgenommen.

Allerdings: Wie nachhaltig das so erworbene Wissen im Langzeitgedächtnis verankert wird, bleibt wissenschaftlich umstritten. Einig sind sich Forscher:innen hingegen darüber, dass Gamification das kurzfristige Verstehen verbessert, Motivation steigert und eine aktivierende Lernumgebung schafft – zentrale Elemente also, um gerade junge Menschen für journalistische Inhalte zu gewinnen.

Voraussetzung ist jedoch, dass Gamification sinnvoll eingesetzt wird. Fehlgeleitete Anwendungen, wie zu viel Wettbewerb in Ranglisten oder ein Punktesammeln ohne inhaltlichen Bezug, lenken schnell vom eigentlichen Lernziel ab.

Infografik zu Gamification beim Lernen: steigert Lernerfolg, Motivation und aktive Teilnahme; unterstützt auch schwächere Lernende; langfristiger Wissenserhalt unklar; zu viel Wettbewerb kann ablenken.
Wie spielerische Elemente die Motivation steigern, das Verständnis fördern und welche Stolperfallen es zu vermeiden gilt.

Wie also lässt sich Interaktivität gezielt für journalistische Formate nutzen? Ein Blick nach Deutschland zeigt: Auch hier wird experimentiert – unter anderem von einem der traditionsreichsten Medienformate überhaupt.

Tagesschau together: Interaktive Nachrichten im digitalen Raum

Seit Oktober 2024 streamt die Tagesschau regelmäßig gegen 20 Uhr ein eineinhalb- bis zweistündiges Live-Format auf dem offiziellen ARD-Twitch-Kanal. Die Hosts Hanin Kleemann und Felix Edeha diskutieren bei tagesschau together mit der Community jeweils mehrere tagesaktuelle politische Themen, Good News Hintergrundberichte und Fragen an Korrespondent:innen. Auch Watchpartys zu den Sommerinterviews wurden bereits veranstaltet – stets mit dem Ziel, den Twitch-Chat aktiv einzubinden. Fragen aus dem Live-Chat werden direkt beantwortet, es finden Abstimmungen statt, und journalistische Abläufe hinter den Nachrichten werden transparent erklärt. Zuschauer:innen zwischen 18 und 28 Jahren, die Nachrichten nicht einfach passiv konsumieren möchten, sondern aktiv hinterfragen, erleben hier Medienvermittlung als gemeinschaftliches Ereignis – digital umgesetzt und mit dem Anspruch auf Seriosität und Transparenz.

Das Projekt zeigt eindrucksvoll, dass Interaktivität Nachrichten nicht einfach nur konsumierbar, sondern erlebbar macht. Indem das Publikum mit Fragen und Themenvorschlägen direkt Einfluss nehmen kann, bringt die Tagesschau ihr journalistisches Selbstverständnis in ein junges, dialogorientiertes Setting.

Abseits von Quiz-Formaten und Swipe-Stories zeigt das Beispiel tagesschau together, dass Interaktivität auch in etablierten Medienmarken funktioniert – und zwar auf Augenhöhe mit jungen Zielgruppen.

Und trotzdem: Viele schalten ab

So innovativ und vielversprechend neue Formate auch sind, stehen sie vor einer großen Herausforderung. Denn obwohl das generelle Interesse an Nachrichten laut Digital News Report 2025 stabil bleibt, nimmt die aktive Nachrichtenvermeidung weiter zu. In Deutschland geben 71 Prozent der erwachsenen Internetnutzer:innen an, mindestens gelegentlich bewusst auf Nachrichten zu verzichten – ein neuer Höchstwert. Besonders junge Menschen fühlen sich von der Menge an Informationen erschöpft oder empfinden sie als wenig relevant für ihr eigenes Leben.

Warum meiden immer mehr Menschen Nachrichten und welche Rolle spielen soziale Medien dabei?

Nachrichtenmüdigkeit steigt – doch wie können positive und konstruktive Formate dagegen ankommen?
Warum News Avoidance wächst und wie Medien mit neuen Ideen und Medienkompetenz dagegenhalten, könnt ihr auf unserem Blog nachlesen!

Das zeigt: Die Art, wie Nachrichten vermittelt werden, muss sich stärker an den emotionalen und kognitiven Bedürfnissen der Zielgruppe orientieren. Interaktive, personalisierbare Angebote wie Newsreel oder Formate wie tagesschau together sind ein Schritt in diese Richtung. Sie holen junge Menschen dort ab, wo sie sich digital bewegen – und lassen sie Nachrichten mitgestalten, statt sie nur zu konsumieren. 

Doch die zentrale Frage bleibt: Wie tief geht das Wissen, wenn News sich anfühlen wie ein Game? Die Antwort darauf hängt davon ab, wie ernst Medienhäuser ihre junge Zielgruppe nehmen. Nicht jede Form von Gamification führt automatisch zu oberflächlichem Konsum. Entscheidend ist, ob Formate spielerische Mechaniken nutzen, um Neugier zu wecken – oder um Inhalte zu verschleiern. Denn wer lieber swiped und tippt, ist noch lange nicht desinformiert. Aber um Wissen nachhaltig zu verankern, braucht es mehr als gute Technik: Es braucht Formate, die ernst nehmen, was Menschen bewegt und ihnen zeigen, dass Nachrichten nicht nur informieren, sondern auch Orientierung geben können.

Quellen & nützliche Links