„Ich sehe keinen Grund, dass wir Frauen es nicht oder weniger können als Männer.”
Von Giulia Neumeyer, 26. August 2025
Frauen sind in Führungspositionen in der deutschen Medienbranche noch immer klar unterrepräsentiert. Laut der aktuellen Studie von ProQuote zum Thema sind nur 35 Prozent in leitenden Rollen, in Führungspositionen sogar noch weniger. In der Filmbranche ist es nicht mal ein Drittel. Wie ihr Alltag in einer männerdominierten Branche aussieht, welche Rolle ein gutes Netzwerk spielt und welche Trends sie wahrnimmt, beleuchtet Heike Kluger im Interview.
Heike Kluger ist VFX Supervisor und hat schon an zahlreichen internationalen Film- und Serienproduktionen mitgewirkt. Ihre Arbeit beginnt lange, bevor die eigentlichen Effekte am Computer entstehen: Schon beim Drehbuch liest sie mit, um Szenen zu identifizieren, die visuell besonders aufwendig sind – von Fabelwesen über Explosionen bis hin zu unscheinbaren Details wie ausgetauschten Nummernschildern. Am Set sorgt sie dafür, dass alle Aufnahmen optimal vorbereitet sind und begleitet die Dreharbeiten oft über Wochen hinweg. Danach koordiniert sie den gesamten Prozess bis zum finalen Filmschnitt und letzten Feinschliff.
Viele denken, VFX gehöre nur zur Postproduktion. Tatsächlich sind wir ein eigenes Department und von Anfang an Teil des Projekts.
Alltag in einer männerdominierten Branche
Als VFX Supervisorin bist du in einer Position mit viel Verantwortung und das in einer Branche, die immer noch stark männerdominiert ist. Welche Erfahrungen machst du damit im Arbeitsalltag?
Heike Kluger: Ich hatte das Glück, viele Kollegen und Freunde zu finden, die mich unterstützt haben. Dafür bin ich unglaublich dankbar. Gleichzeitig gab es aber nur sehr wenige weibliche Vorbilder und das finde ich bis heute schade. Ich musste oft mutig sein, nach dem Motto „Augen zu und durch“, und mir sagen: Das schaffe ich schon.
Ich habe auch schon Situationen erlebt, in denen ich schlicht nicht als VFX erkannt wurde. Eine meiner Lieblingsgeschichten: Normalerweise trage ich am Set ein T-Shirt, auf dem groß „VFX“ steht, damit klar ist, wer ich bin. Einmal hatte ich es nicht an, und die Crew dachte sofort: „Ah, sie schreibt so viel mit – bestimmt Script.“ Sie haben mir dann ständig in die Arbeit reingegrätscht und irgendwann habe ich gesagt: „Leute, ich kann das, ihr müsst mir nicht meine Arbeit abnehmen.“ Da fragten sie: „Dürfen wir fragen, wer du eigentlich bist?“ – „Der VFX Supervisor.“ Die Münder sind nur so aufgeklappt. Danach haben sie sich entschuldigt und super mit mir zusammengearbeitet.
Das war kein Machtkampf, sondern einfach eine falsche Annahme, weil sie noch nie eine Frau in dieser Position gesehen hatten. Mir ist wichtig, dass ich von Anfang an sichtbar mache: Ich bin hier für VFX verantwortlich. Dann funktioniert die Zusammenarbeit auch sehr gut.
Natürlich habe ich auch oft die typischen Kommentare gehört wie: „Ach, du hast den Job doch nur gekriegt, weil du eine Frau bist.“
Sowas hinterfrage ich dann und spreche die Personen manchmal auch direkt drauf an. Letztendlich ist es meistens Neid und nicht, weil diese Menschen das wirklich glauben. Sie sind neidisch, dass sie diese Chance nicht bekommen haben. Aber es gibt immer Gründe, wieso das so ist.
Welche Gründe zum Beispiel?
Heike Kluger: Ich networke zum Beispiel unglaublich viel, bin sehr offen, gehe raus und rede mit Menschen. Wenn sich dann eine Stelle auftut, erinnert man sich natürlich an die Person, mit der man schon mal Hände geschüttelt und sich nett unterhalten hat – nicht an die, die nur vor dem Computer sitzt und nie aus dem Haus geht. Denn woher soll man die kennen? Deshalb: Zeig dein Gesicht, zumindest hin und wieder! Damit sich jemand an dich erinnert, wenn die Chance kommt.
Vorbilder, Mut und das „gute Unwohlsein“
Welche Rolle haben Vorbilder auf deinem Weg gespielt?
Heike Kluger: Meine Vorbilder waren meist männlich – weibliche gab es in meiner Branche leider kaum. Lange Zeit war ich auch gar nicht so ambitioniert, unbedingt „nach oben“ zu wollen. Ich habe meinen Job als 2D-Compositor geliebt, das war meine Leidenschaft.
Aber dann kam das Angebot von Netflix, als VFX Supervisor zu arbeiten. Ich hatte zuvor offen gesagt, dass ich mir so eine Position vorstellen könnte. Netflix hat mir die Hand gereicht und die Tür geöffnet. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, mit Menschen zu reden, offen zu sein und sein Netzwerk zu nutzen.
Natürlich hatte ich Angst vor diesem Schritt und es war eine riesige Lernkurve. Aber ich habe mir vorgenommen: Ich sage immer „Ja“ zu neuen Möglichkeiten, egal wie gruselig sie sind. Denn wenn man sich leicht unwohl fühlt, bedeutet das meistens: Man wächst gerade.
In der Komfortzone passiert nichts Neues. Wer Ambitionen hat, muss da raus – auch wenn es erstmal unbequem ist.
Dieses „gute Unwohlsein“ begleitet mich bis heute. Und es hilft enorm, ein starkes Netzwerk zu haben: Menschen, die den Weg schon gegangen sind und einen unterstützen. Genau das möchte ich auch weitergeben: an die nächste Generation, die vielleicht zu mir kommt, mal Hallo sagt, und sich Rat holt.
Selbstzweifel spüren und Chancen ergreifen
Wenn du aktuelle Entwicklungen in der Branche betrachtest: Wie nimmst du Veränderungen im Bereich VFX in Bezug auf Diversität und Chancengleichheit wahr? Gibt es Trends oder Entwicklungen, die Hoffnung machen?
Heike Kluger: Als ich vor mehr als zehn Jahren angefangen habe, war ich das einzige Mädchen. Heute sieht das ganz anders aus: Ich sehe immer mehr Frauen in Schlüsselpositionen, auch international, und das ist wunderschön zu erleben. Auf Konferenzen sitzen inzwischen Frauen auf den Bühnen und sagen: „Hey, ich habe das gemacht!“ – das macht uns greifbarer und nahbarer.
Ich selbst organisiere auf Messen Panels für junge Frauen, bei denen sie mich alles fragen dürfen. Da erzähle ich ehrlich von meinen eigenen Erfahrungen und auch von meinen Selbstzweifeln. Ich finde es wichtig, offen zu sagen: Auch mir fällt nicht alles leicht, auch ich habe manchmal das Gefühl, ein Imposter zu sein.
Das Imposter-Syndrom betrifft uns alle. Männer sprechen nur nicht darüber und lassen sich vor allem davon nicht abhalten. Wir Frauen dagegen schon öfter. Ich auch.
Vor einigen Jahren habe ich aber beschlossen, das zu ändern. Ich spiele bewusst mit dem Gedanken: Jeder Mann würde diese Chance jetzt annehmen – also tue ich das auch. Natürlich fühle ich mich da manchmal unwohl. Aber genau darin liegt das Wachstum. Man muss sich selbst mehr zutrauen. Lernen kann man immer noch unterwegs.
Internationale Perspektiven
Als VFX Supervisor arbeitet man eng mit Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen. Wie erlebst du die internationale Zusammenarbeit in VFX-Projekten und unterscheiden sich deiner Erfahrung nach die Chancen und Rollenbilder für Frauen je nach Land oder Kultur?
Heike Kluger: Das unterscheidet sich sehr, auch wenn die Branche sehr offen ist. International sehe ich oft mehr Frauen in Führungspositionen. In den Ländern, mit denen ich viel zusammengearbeitet habe, wie den USA, Kanada oder Schweden, zählt vor allem die Leistung und die Ambition. Wenn man etwas kann, Verantwortung übernehmen will und das auch klar zeigt, stehen die Chancen gut. Aber man muss selbst die Initiative ergreifen – an die Hand genommen wird man eher nicht.
Bei Ländern wie Indien bin ich etwas vorsichtiger, weil ich dort nicht so tief im Markt drin bin. Aber auch da bewegt sich einiges. Ich habe zum Beispiel eine indische Freundin, die eine eigene Produktionsfirma gegründet hat. Sie achtet sehr auf faire Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen für Frauen. Solche Beispiele zeigen mir, dass ein Umdenken stattfindet und Frauen immer sichtbarer und lauter werden. Egal wo man hinschaut ist das eine tolle Sache!
Mehr Frauen in Schlüsselpositionen: Das muss sich ändern
Als kurze Abschlussfrage: Wenn du einen Wunsch an die Branche frei hätten, was müsste sich ändern, damit Frauen mehr Führungsverantwortung übernehmen könnten?
Heike Kluger: Viele Frauen haben das Talent, aber sind zu schüchtern. Vielleicht müsste man noch mehr mit Mentorships arbeiten, um Frauen an die Hand zu nehmen, damit sie sich mehr zutrauen. Ihnen zu zeigen, dass es okay ist, Fehler zu machen und um Hilfe zu fragen.
Ich sehe keinen Grund, dass wir es nicht oder weniger können als Männer.
Man muss es nur wollen und danach fragen – auch öfter, denn manchmal passt der Zeitpunkt einfach nicht. Nicht aufgeben, sondern immer wieder fragen und dranbleiben.
Ein guter Ansatz ist es auch, sich Positionen zu teilen. Gerade für Mütter und Eltern machen solche flexiblen Strukturen die Arbeit leichter.
Auch der lokale Rundfunk ist weiterhin männerdominiert. Während zwar immer mehr Frauen ein Volontariat durchlaufen, sitzen in den Chefetagen immer noch hauptsächlich Männer. Mehr zum Thema gibt es auf dem Blog der Medientage München.






