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Raus aus dem Labor, rein in den Workflow: Wie die Medienbranche KI jetzt strategisch nutzt
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Der Hype um künstliche Intelligenz weicht immer mehr dem Handwerk. Jahrelang hat die Medienbranche fasziniert auf Fähigkeiten generativer KI geblickt, inzwischen wird jedoch eine Frage immer drängender: Wie wird aus der technologischen Spielerei ein redaktioneller Workflow? In unserem vierten KI-Camp haben wir versucht, darauf Antworten zu finden. Deutlich wurde: Die Branche stellt sich auf Umbauten, saubere Daten und vor allem eine klare, menschliche Haltung ein.
In insgesamt 20 Sessions drehte sich alles um die Realität der Implementierung. Es geht nicht mehr um die Frage, ob KI genutzt wird, sondern wie wir sie wirksam, rechtssicher und vor allem menschenzentriert in unseren Redaktionen verankern.
Das sind unsere fünf Key Learnings zusammengefasst:
- Zweck vor Tool: Wer schlechte Prozesse mit KI automatisiert, erhält schlechte Ergebnisse. Die Hausaufgabe lautet: Erst den konkreten Mehrwert definieren, dann die Software lizenzieren.
- Qualität schlägt Content-Farmen: Das Netz mit automatisierten News zu fluten, ist extrem billig geworden. Das wahre Geschäftsmodell für Qualitätsmedien liegt in der klugen, menschlichen Orchestrierung einzelner KI-Schritte.
- Software wird ephemer: Jahrelange Software-Entwicklungen gehören der Vergangenheit an. Redaktionen bauen sich heute via Vibe Coding maßgeschneiderte Tools für einen spezifischen Anwendungsfall – und werfen sie danach oft wieder weg.
- Konsistenz bleibt der Endgegner: Im Video- und Audiobereich hilft KI enorm bei Skizzen und Recherchen. Bei Hochglanz-Produktionen scheitert sie jedoch oft noch am Detailanspruch und an mangelnder Konsistenz.
- Die Kernkompetenz bleibt menschlich: Ein rein KI-gesteuerter Journalismus verliert seine Haltung. Die Themenfindung und die ethische Bewertung lassen sich nicht an LLMs auslagern.
1. Strategie & Kultur: Erst die Hausaufgaben, dann die Werkzeuge
AI-Buzzy oder AI-Ready? Wie KI-Einsatz wirksam, skalierbar und tragfähig wird
Bevor Verlage sich in der Auswahl von Tools verlieren, brauchen sie eine klare Strategie. Das betonte Elfriede Nitzsche (Seitwerk) in ihrer Session zur KI-Implementierung. Sie warnte davor, den Werkzeugkasten zu früh zu öffnen, ohne vorher den „Golden Circle“ der eigenen Ziele abzuarbeiten.
Eine digitale Lösung ist nur dann wirksam, wenn sie einen klaren Zweck erfüllt. Geht zurück und macht eure Hausaufgaben, bevor ihr die Technologie einsetzt.
Elfriede Nitzsche, Seitwerk
KI-Einsatz im Publikumsverlag – Chancen und Risiken
Wie eine solche Strategie in großen Häusern funktioniert, zeigte Beate Muschler am Beispiel der Penguin Random House Verlagsgruppe (PRHVG). Angesichts einer Flut an KI-generierten Büchern im Self-Publishing-Markt orchestriert der Verlag seine KI-Aktivitäten über eine klare Top-Down-Steuerung. Interne Businesspartner schulen die Abteilungen und entwickeln konkrete Use Cases vom Akquisesupport im Lektorat bis hin zu komplexen Auflagenprognosen. KI agiert dabei immer als Enabler und zur Unterstützung, niemals als Ersatz für Autor:innen.
KI bei pilot – Wie wir bessere Entscheidungen schneller möglich machen
Auch Katharina Baumann (pilot) plädierte für einen menschenzentrierten Ansatz. Unter anderem durch Ambassador-Programme und dreiwöchige Sprints baut die Mediaagentur gezielt Hemmschwellen ab. Die Mitarbeitenden entwickeln durch „Citizen Coding“ eigene Lösungen für alltägliche Aufgaben wie KPI-Summaries oder Inhaltschecks.
2. Journalismus & eigene Daten: Vom Fließband zur Orchestrierung
AI First statt AI Added: Was wir von KI-nativen Medienhäusern lernen können
Wie viel Mensch braucht der Journalismus in Zeiten von KI? Dieser zentralen Frage ging Wolfgang Kerler (1E9) nach. Er demonstrierte den Unterschied zwischen komplett automatisierten Content-Farmen und KI-nativen Medienhäusern wie dem Startup Velora. Dort nutzen zwei Gründer KI-Tools für interaktive Karten und Analysen, wählen die Stories aber menschlich aus und geben jeden Text final frei.
Es ist so billig geworden, massenhaft Content auszuwerfen. Und wenn nur wenige auf Werbelinks klicken, dann hat es sich schon ausgezahlt und das Angebot ist für einige Tage bezahlt.
Wolfgang Kerler, 1E9 Denkfabrik
Der One Person Publisher – Wie Du von Recherche bis Publikum mit KI-Unterstützung als Journalist:in arbeiten kannst
Redaktionen müssen KI orchestrieren, statt jeden Schritt unkritisch zu automatisieren. Dass dies auch für Solo-Selbständige funktioniert, bewies Harald Mandl (Wort & Bild Verlag) in seiner Barcamp-Session. Als „One Person Publisher“ zeigte er, wie er gigantische Newsletter-Fluten mithilfe von Claude automatisiert auswertet. Für die Kosten von drei Tassen Kaffee und mit einer Woche Vorbereitungszeit baut er sich fundierte Dossiers und schaufelt sich so Zeit für seine eigentliche Kernkompetenz frei: die journalistische Einordnung.
RAG als neues Geschäftsmodell für Medienhäuser
Damit Verlage solche Systeme skalieren können, brauchen sie saubere Daten. Dr. Christina Lauer erklärte den Weg zu funktionierenden RAG-Systemen (Retrieval-Augmented Generation). Redaktionen müssen ihre Inhalte KI-ready machen – weg von starren PDFs, hin zu clever „gechunkten“ (zerlegten) und semantisch sortierten XML-Strukturen in Vektordatenbanken.
OLLAMA und lokale KI / Präsentationen mit Souffleur
Um dabei Halluzinationen und Datenschutz-Probleme zu umgehen, setzen immer mehr Medienschaffende parallel auf lokale Modelle wie Ollama, die völlig autark und sicher auf dem eigenen Rechner laufen. Wie das in der Praxis installiert und zum Laufen gebracht werden kann, zeigte Harald Schmidt praxisnah in seiner Barcamp-Session.
Lese-Tipp: Wer tiefer in Wolfgang Kerlers Konzept der Orchestrierung einsteigen möchte, findet in unserem aktuellen Deepdive „KI-native Medienhäuser“ detaillierte Praxistipps und Baupläne für moderne Workflows.
3. Ephemere Software & Reallabore: Bauen für den Moment
Vibe Coding: Websites, Marketing-Wokflows, Games, C64-Demos & totgeglaubte Hardware wiederbeleben – alles kein Hexenwerk mehr
Weil KI funktionalen Code im Überfluss liefert, entwickelt die Branche eine völlig neue, ephemere, also flüchtige, Sicht auf Software. Das zeigte Krischan Lehmann (1E9) in seiner Session zum Thema Vibe Coding.
Ob eine maßgeschneiderte Diktier-App für alte Hardware, eine Website für ein Event oder ein Auswertungstool für Interviews auf einem Kongress: Software mutiert von starren Großprojekten zu schnellen Wegwerf-Prototypen, die in 15 Minuten gebaut und nach dem speziellen Anwendungsfall wieder verworfen werden können.
Prototypes aus dem KI-Reallabor
Was mit KI machbar ist, demonstrierte Marius Grubel anhand aktueller Prototypen aus dem KI-Reallabor des KI-Kompetenzzentrum Medien (KI.M). Er zeigte einen Live-Radio-Assistenten, der sekundenschnell das eigene Sendearchiv durchsucht, sowie einen Reise-Agenten, der hochwertige Daten eines Bergverlags mit aktuellen Informationen aus dem Internet verknüpft und passende Wanderrouten zu verschiedenen Konditionen vorschlägt. Datensicher und auf eigener Hardware verbinden diese Modelle journalistische Expertise mit neuester LLM-Technologie.
4. Video, Audio & Recht: Zwischen Effizienz und Komplexität
KI in der Medienproduktion
Die enormen Möglichkeiten, aber auch die klaren Grenzen der KI-Produktion standen im Fokus der Bewegtbild- und Audio-Sessions. Franziska Schulte und Peter Preuß gaben ehrliche Einblicke in die Arbeit des BR-Teams für KI-generierte Medien. Ihr Learning: Für schnelle Skizzen, abstrakte Visualisierungen oder historische Reenactments eignet sich KI hervorragend. Gleichzeitig wird die Komplexität oft unterschätzt und der
Kipppunkt, an dem klassische Postproduktion schneller, einfacher, kostengünstiger oder nachhaltiger als KI ist, muss erkannt werden. Letztlich gilt es, auf rechtliche und ethische Fragestellungen zu achten.
Wie KI im Radio wirklich hilft
Im Audiobereich zeigte Roger Hofmann, wie KI den Sender Hit Radio FFH revolutioniert. Das Team nutzt inzwischen über 100 eigenentwickelte Tools, die sicher auf Servern in Deutschland liegen, und lizenziert diese sogar an andere europäische Sender. KI unterstützt bei der Erstellung lokaler Wetterberichte, transkribiert Interviews und produziert vollautomatisierte Podcasts. Hofmanns Ziel ist klar: Routineaufgaben konsequent an die Maschine delegieren, um den Redakteur:innen mehr Output für neue Kanäle zu ermöglichen.
Während innovative Sender wie FFH zeigen, wie technische Exzellenz und Datensicherheit im eigenen Haus funktionieren, treiben die rasend schnelle globale KI-Entwicklung und die Masse an frei verfügbaren Tools die Branche auf rechtlicher Ebene vor ganz andere Herausforderungen.
Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte
Helena Jochem (Lausen Rechtsanwälte) skizzierte die strengen Kennzeichnungspflichten für Deepfakes nach dem neuen AI Act. Insbesondere im journalistischen Bereich, wo das Publikum einen hohen Authentizitätsanspruch hat, sind transparente Richtlinien unerlässlich – egal ob es um den Papst im Daunenmantel oder politische Falschmeldungen geht.
KI & Urheberrecht: Die KI-Klagen der GEMA
Wie dringend die Frage der Urheberschaft geklärt werden muss, zeigt zudem die aktuelle Klage der GEMA gegen Musik-Generatoren, die urheberrechtlich geschützte Werke ohne Lizenz als Trainingsdaten nutzen.
Die neue Art der Kreation mit KI darf nicht zu Lasten der Urheber und Künstler gehen.
Armelle Grandjean, GEMA
Zwischen Hype und Praxis: Was man aus 30 Stunden KI-Vorträgen lernen kann
Johannes Klingebiel warnte in seiner Session eindringlich davor, Fehler aus anderen Industrien zu wiederholen. Auf Tech-Bühnen werde oft eine bedenkliche „Datafication“ gepredigt – die Welt als reiner Datensatz, den die KI verarbeitet, während der Mensch nur noch als passiver Beobachter („Human on the Loop“) fungiert.
Fazit: Kernkompetenz lässt sich nicht automatisieren
Das KI-Camp hat jedoch gezeigt: Die Branche wehrt sich gegen diesen Kontrollverlust. Künstliche Intelligenz entfaltet ihre Stärke nicht, wenn sie Journalismus billiger macht, sondern wenn sie Menschen dabei hilft, bessere, tiefgründigere und relevantere Geschichten zu erzählen. Wer seine Kernkompetenz an einen Algorithmus abgibt, verliert seine Haltung. Wer KI jedoch als mächtiges Werkzeug in einem orchestrierten Workflow begreift, hat die Zukunft der Medienproduktion selbst in der Hand.
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