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Künstliche Intelligenz in der Filmwelt

Von Stefanie Witterauf

Während der Veranstaltung blieb die Bühne leer. Weder die Moderatoren, noch die Experten betraten sie, denn wenn über Innovation gesprochen wird, läuft auch so eine Runde anders als „Schema F“ ab. Unter dem Motto „This actress does not exist“ fand am 29. Juni 2019 eine interdisziplinäre Gesprächsrunde im Rahmen des Filmfest München statt. Aus theologischer, psychologischer, kunsthistorischer, filmwissenschaftlicher und künstlerischen Sicht wurde die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) und Computer Generated Imagery (CGI) in der Filmbranche diskutiert.

Die eingeladenen „Denker“ saßen im Publikum und stellten ihre These mitten im Raum zwischen den Gästen vor. Entwickelt hat das Konzept für „This actress does not exist“ Olga Havenetidis vom FilmFernsehFonds Bayern (FFF Bayern). Zusammen mit dem Filmexperten Urs Spörri moderierte sie die Veranstaltung.

Vom Google Assistent übernommene Telefonate vom Vereinbaren eines Friseurtermins bis zur Reservierung im Restaurant. Eine Website mit Fotos von Menschen, die gar nicht existieren, sondern vom Computer zusammengerechnet werden. Und der Trailer von „Alita: Battle Angel“, dem Film von James Cameron, in dem die Hauptdarstellerin eine animierte Figur ist. Was früher nur in Science-Fiction-Romanen möglich war, ist heute Realität. Die technische Entwicklung macht es möglich. Werden Drehbuch-Autoren ihre Ideen bald nur noch in Maschinen sprechen und mithilfe von Real-Time Rendering zum Film visualisieren? Verschwinden Menschen aus dem Film und werden von Computeranimationen ersetzt? Ist dies das Paradies – oder die Apokalypse?

Faszination oder Bedrohung?

„Künstliche Wesen, die lebendig erscheinen, sind nicht neu. Es ist wie eine Besessenheit der westlichen Welt“, sagt Filmwissenschaftlerin Natalie Weidenfeld. Zusammen mit dem Philosophen Julian Nida-Rümelin hat Weidenfeld das Buch „Digitaler Humanismus – Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ publiziert. Als Beispiel von künstlichen Wesen in der Literatur nennt Weidenfeld die Erzählung „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, in welcher der Student Nathanael die Puppe Olimpia in seiner Fantasie zum Leben erweckt. Bei dem Film „The Congress“ von Ari Folman verkauft eine alternde Schauspielerin – nicht ihre Seele an Mephisto, wie bei Oscar Wilds „Dorian Gray“ – dafür ihr digitales Ich an eine Produktionsfirma. „Hollywood liebt die Realität“, sagt Natalie Weidenfeld. Zwar sei Hollywood von der künstlichen Welt fasziniert, doch wird sie oft als gefährlich und problematisch dargestellt, sodass sich der Held aus ihr befreien muss.

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Weniger als Bedrohung, sondern als eine Chance sieht Game Developer Clarens Grollmann die Entwicklungen. Die Digitalisierung biete “Werkzeug und Möglichkeiten” Geschichten neu zu erzählen, die vorher nicht da waren. Sowohl im Film-, als auch im Videospiel-Bereich. Obwohl die Charaktere in Trickfilmen klar von Menschen zu unterscheiden sind, empfinden Menschen Empathie mit ihnen. „Künstliche Wesen werden akzeptiert, wenn sie als künstlich erkannt werden“, so Havenetidis. „Je realistischer die Abbildung, desto höher die Ablehnung“, sagt Grollmann. Die digitale Entwicklung ermöglicht Abbilder von Menschen, die sich optisch nicht von realen Menschen unterscheiden lassen. Merken Menschen erst später, dass es sich nicht um einen realen Menschen handelt, sondern um eine Animation, fühlen sie sich „betrogen“ und enttäuscht.

Unsterblichkeit, ewige Jugend und Moral

„Ich würde mich nicht ärgern, sondern denken: gut gemacht“, eröffnete der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer seine Präsentation. Täuschen oder sich selbst täuschen zu lassen sei für Menschen völlig normal. Ebenso wie der Wunsch nach Unsterblichkeit und der ewigen Jugend. Ein Wunsch, der sich für Menschen nicht erfüllen lässt, aber für digital entwickelte Figuren. Genau davor warnt die Theologie-Professorin Johanna Haberer. Der Mensch könne ohne den „vergänglichen Leib“ seine „Würde“ und „den irdischen Wert“ verlieren. Haberer wünschte sich mehr Besonnenheit und eine kritische Haltung zur weiteren Digitalisierung.

Ebenfalls kritisch äußerte sich die Journalistin Julia Dettke. Ein Mensch zeichne sich durch seine Unplanbarkeit, Imperfektion und Unverfügbarkeit aus. Eigenschaften, die Computer nicht erfüllen können. Für Improvisation braucht es Schauspieler. Reale Menschen. Nur so wären Filme wie Victoria, die in einem Shot gefilmt worden sind, möglich.

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Mit animierten Figuren wäre so ein Film keine Herausforderung und würde so die Faszination verlieren. Die Unverfügbarkeit der Menschen sei kostbar und solle auch mit der fortschreitende Digitalisierung nicht verloren gehen. Auch Alita sei zwar eine animierte Figur, die sich aber in der Handlung nicht mit ihrem digitalen Dasein zufrieden gibt und sich deswegen sich auf die Suche nach ihrer analogen Herkunft macht.

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