Medientrends 2026: Wenn alles fließt, bleibt der Mensch der Anker
Von Giulia Neumeyer, 02. Februar 2026
Alles fließt, nichts bleibt, wie es war. Das Medienjahr 2026 markiert einen Wendepunkt. Wir bewegen uns weg von starren Formaten und der reinen „Masse“ hin zu fließenden Erlebnissen, echten menschlichen Ankern und radikaler Nähe. Die Technologie, insbesondere KI, ist dabei längst keine Neuheit mehr, sondern unsichtbare Infrastruktur. Doch je digitaler unser Alltag wird, desto lauter wird der Ruf nach Vertrauen und echtem Austausch. Für unser Event Medientrends 2026 haben wir die Entwicklungen analysiert, die die Branche jetzt bewegen.
2026 ist Schäfflerjahr in München. Der Legende nach sollte der Tanz einst nach der Pest die Menschen beruhigen und bessere Zeiten ankündigen. Ein passendes Bild, mit dem Magnus Gebauer, Teamlead beim MedienNetzwerk Bayern, am 29. Januar in die Medientrends 2026 einführte. Die Hoffnung: Nach schwierigen Umbrüchen bringt auch dieses Jahr der Branche neue Zuversicht. Drei zentrale Übertrends haben er und Jacqueline Hoffmann, ebenfalls Teamlead und Trendforscherin beim MedienNetzwerk Bayern, für das kommende Jahr identifiziert.
Fluides Medienerleben: Wenn sich Formate auflösen
Während KI und plattformbezogene Inhalte sich in den letzten Jahren erst noch entwickelt haben, gehören sie heute längst zum Alltag. Klassische, analoge Formate haben sich in den vergangen Jahren mehr und mehr digitalisiert; jetzt beobachtet Trendforscher Magnus Gebauer eine Verflüssigung mit neuen Herausforderungen und Möglichkeiten.
Vertical Drama Baby
Die „Generation Swipe“ verlangt ständig nach neuem Futter. Content kann gar nicht schnell, kurz, mitreißend genug sein. Eine Antwort darauf: Micro-Dramas. Hochkant produzierte Serien, emotional extrem verdichtet und mit Cliffhangern, die ein enormes Binge-Potenzial auslösen. Die Folgen dauern nur eine bis eineinhalb Minuten, eine Staffel umfasst 60 bis 100 solcher Mikro-Episoden. Die Monetarisierung folgt dabei einer Gaming-Logik: Die ersten zehn Folgen sind kostenlos, danach zahlt man mittels virtueller Coins. Via TikTok werden User:innen mit viralen Clips angefixt und dann zu Apps wie ReelShort und DramaBox gebracht. Während die Technik und das Kapital aus China kommen, werden die Serien lokal im Westen mit westlichen Schauspieler:innen produziert. Wird das, was in Asien begann, 2026 auch hierzulande zum Standard für fiktionales Erzählen?
Im Writing liegt die Kunst.
Philipp Münich, Associate Director New Business / AI Ambassador, ProSiebenSat.1 Media / Seven.One Entertainment Group
Philipp Münich, Associate Director bei ProSiebenSat.1 Media / Seven.One Entertainment Group, sieht im Vertical-Format viel Potenzial. In 60 Sekunden kurzen Clips wirklich guten Content zu packen, von dem auch etwas hängen bleibt, sei eine Herausforderung.
Katharina Baer vom MedienNetzwerk Bayern sieht Vertical Dramen auch als Chance, Erzählungen auszuprobieren.
Vertical Drama ist nah, fast als wäre man mit einem Freund im Videocall. Es verzeiht Defizite, solange die Geschichte und der Plot spannend sind.
Katharina Baer, Senior Partner & Program Manager beim MedienNetzwerk Bayern | Film, TV und Video on Demand
Closed Commerce
Selbst shoppen war gestern, denn schon jetzt erledigen KI-Agenten das für uns. Seit Ende 2024 bietet Perplexity mit Perplexity Shopping eine komplette One-Stop-Shopping-Lösung auf seiner Plattform an. Bezahl-Abonnent:innen haben mit dem von PayPal unterstützten Feature „Buy with Pro“ die Möglichkeit zum One-Click-Checkout direkt in Perplexity. Features wie „Snap to Shop“ ermöglichen es sogar, ein Foto vom gewünschten Produkt hochzuladen, mit dem die KI das Produkt direkt identifiziert und den Kaufprozess einleitet. Mit dem Programm „Trusted Merchant“ bekommen Händler:innen die Möglichkeit, bevorzugt in den Empfehlungen des Agenten zu erscheinen, sofern sie per API-Schnittstellen strukturierte Produktdaten liefern.
Und auch Open AI und Amazon ziehen mit eigenen Systemen nach.
Den Mensch braucht es hier nur noch für den Anfangsbefehl.
Jacqueline Hoffmann, Teamlead und Trendforscherin beim MedienNetzwerk Bayern
Gerade Millennials und die Generation Z, die KI-Sprachmodelle ganz intuitiv bedienen, sind Treiber dieses Trends. KI-Kuratoren bieten ihnen einen schnelleren Überblick und schnellere Inspiration als das Informationsdickicht in Social Media und Co.
Post Format Era
Anstelle von starren Medienformaten sehen Expert:innen die Zukunft des Journalismus vielmehr in der Bereitstellung von strukturierten Datenquellen und abrufbaren Wissensspeichern. Das CMS wird abgelöst vom KOS – dem Knowledge Operating System, mit dem multimodale Bereitstellung von Daten ermöglicht werden soll.
Philipp Münich stuft gerade Liquid Content, also in der Form flexible Inhalte, als den Medientrend 2026 ein.
Im Kern nicht neu, wird es aber dennoch die höchste Ausbaustufe der Content-Nutzung darstellen. Hier wird KI eine große Rolle spielen, um bestehende Assets effizient zu nutzen. Qualität vor Quantität wird hier zur Challenge.
Philipp Münich, Associate Director New Business / AI Ambassador, ProSiebenSat.1 Media / Seven.One Entertainment Group
Dieser Schritt erfordert großen Mut von Medienhäusern. Dateninfrastrukturen und auch Geschäftsmodelle müssen neu gedacht und gebaut werden, um wirklich multimodal zu arbeiten. Das Time Magazine bietet hierfür bereits ein erstes Beispiel, in welche Richtung sich die Post Format Era bewegen könnte: Im Sinne von Liquid Content können Leser:innen die Inhalte individuell konsumieren: ob als Audio, Übersetzung oder Voice-Interaktion. Auch wenn der Traffic weiterhin sinkt, hat sich der Umsatz pro Besucher:in seit der Einführung fast verdreifacht.
Menschliche Ankerpunkte: Vertrauen als härteste Währung
Je mehr Zeit wir online verbringen, desto größer wird die Sehnsucht nach dem „Echten“. Tatsächliche Relevanz und loyale Beziehungen werden in Zeiten technischer Austauschbarkeit zur wichtigsten Währung für Erfolg.
Real Life Rituale
Menschen suchen wieder nach physischer Verbundenheit und Ritualen im echten Leben. Ob Taylor Swift, Gaming Events oder lokale Creator-Meetups – der Wunsch nach identitätsstiftenden Ritualen wächst als Gegenpol zur digitalen Überreizung. Das bestätigt auch die Rheingold-Verbundenheits-Studie 2025: 77 Prozent der Menschen wünschen sich mehr echte Gemeinschaftserlebnisse – auch mit Menschen, die anders denken als sie selbst. Solche Erlebnisse können auch Medienhäuser schaffen. Ein Beispiel aus Bayern: Die Mitsingkonzerte des Bayerischen Rundfunks.
Wie kreieren wir einen besonderen Moment, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht?
Diane Dotzauer, Programmbereichsleiterin bei Bayern 1, Bayern 3 und BR Puls beim Bayerischen Rundfunk
Perspektopoly
Immer mehr Menschen sehen ihre eigene Perspektive und Lebensrealität nicht mehr in Medien abgebildet. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Befragung von Civey, bei der knapp zwei Drittel der Befragten angaben, sich nicht in der Berichterstattung deutscher Medien wiederzufinden. Die Antwort auf sinkendes Medienvertrauen ist nicht Neutralität, sondern Perspektivenvielfalt. Was aktuell herrscht, ist, laut Laura Bohné, Leiterin des PULS Talente Programms beim BR, eine Scheindiversität. Es wird sich zwar mehr um Diversität bei Merkmalen wie Hautfarbe oder Geschlecht bemüht, doch gerade der Einstieg in den Journalismus ist teuer und damit nicht mit jedem sozioökonomischen Hintergrund möglich.
Die Folge, wenn Menschen sich nicht mehr repräsentiert fühlen? Sie verlieren das Vertrauen und wandern ab, zum Beispiel auf rechtspopulistische Kanäle und Plattformen. Das Extrem können wir schon heute in Brasilien oder den USA beobachten, wo sich Streaming-Dienste, Dokumentationen oder Apps entwickeln, die bereits jetzt Landesgeschichte und Weltbild aus rechtsnationalistischer Perspektive vermitteln.
Trotzdem stellt sich die Frage: Ist es überhaupt notwendig, die Perspektivenvielfalt im Journalismus zu messen? Lukas Schöne vom MedienNetzwerk Bayern ordnet ein: Eine Ahnung davon zu haben, welche Perspektiven im eigenen Medienhaus sitzen und auch offen darüber zu sprechen, sei sehr wichtig. Aber auf Zwang jede noch so kleine Perspektive abbilden zu wollen, entspreche nicht dem knallharten Kern des Nachrichtenjournalismus.
Es geht im Journalismus nicht darum, zu berichten, was Leute hören wollen, sondern einfach zu berichten. Perspektiven darzustellen, muss sehr viel detaillierter betrachtet werden.
Lukas Schöne, Senior Partner & Program Manager beim MedienNetzwerk Bayern | Audio & Journalismus
Sound of Trust
In nur 800 Millisekunden entscheiden wir, ob wir einer Stimme vertrauen. Audio und Radio haben hier einen gewaltigen Heimvorteil. Wer 2026 auf Audio setzt, investiert in intuitive Glaubwürdigkeit. Mit einem großen Aber: Da KI-Stimmen immer besser werden, brauchen wir technische Beweise für das Menschliche. Der C2PA Standard 2.2 wird hier zum unverzichtbaren digitalen Gütesiegel. Spotify hat zudem gemeinsam mit den großen Musik Labels Sony, Warner und Universal sogenannte „AI Slop“-Filter entwickelt, die minderwertige KI-Inhalte und unbefugte Stimmen herausfiltern können.
Medienhäuser stehen schon heute vor der Frage, ob sie auf Human-Only-Content setzen oder sich für effizientere KI-Lösungen entscheiden. Menschengemachtes Bio-Brot oder effizienter und täuschend echter Beyond Burger, nennt es Jacqueline Hoffmann. Der Markt braucht beide Seiten, aber Vertrauen entsteht nur durch absolute Transparenz: Hörer:innen müssen wissen, wann sie „Bio“ (Mensch) und wann „Beyond“ (KI) konsumieren. Eine Kennzeichnungspflicht könnte eine Brücke zwischen KI und Sound of Trust darstellen.
Nähe statt Masse: Das Ende des Megafons
Die Zeit der anonymen Massenbespielung wandelt sich hin zu persönlichen Kommunikationsräumen. Dialog und Relevanz vor Ort werden wichtiger als bloße Reichweite und bringen Chancen für Nischen und neue Gesprächskulturen. Prof. Dr. Klaus Meier von der KU Eichstätt formuliert den Titel um: „Nähe in der Masse, denn Reichweite brauchen wir ja trotzdem.“
Microverses
Die Gen Z verabschiedet sich zunehmend aus den großen, öffentlichen Feeds. Zwar steigen die Registrierungen weiterhin, doch die Nutzungszeiten sind schleichend rückläufig. Der Austausch verlagert sich in geschlossene Räume – in Microverses auf Reddit, Discord oder in private Gruppen. Inhaltegetriebene Netzwerke wachsen im Vergleich zu reichweitengetriebenen Plattformen aktuell stark. Den Trend haben auch die großen Plattformen erkannt: Instagram baut beispielsweise seine Broadcast-Funktion weiter aus, damit Creators und Medienmarken ihre Community direkt und algorithmusfrei erreichen können.
Social Media ist nicht sozial. Auch da sucht man sich seine Social-Räume.
Petra Schwegler, Senior Partner & Program Manager beim MedienNetzwerk Bayern | Werbung & Publishing
Was Menschen sich in Mircoverses eigentlich erhoffen, hat eine Studie von The Verve/Vox Media mit 2000 US-Amerikaner:innen gefragt. Wenig überraschend antwortete der Großteil, sie würden menschliche, weniger algorithmusgetriebene Inhalte suchen. Gute Communities sind Safe Places für Menschen. Die Hälfte der Befragten würde für eine Mitgliedschaft in einer solchen Gruppe sogar bezahlen.
Ping Pong Media
Informationsbeschaffung wird konversationell. Nutzer:innen wollen nicht mehr nur lesen, sie wollen nachfragen. Für den Journalismus bedeutet das einen Kulturwandel: Weg vom reinen Senden, hin zum Dialog. Zu einem Großteil übernehmen das schon heute KI-Chatbots, die bei der digitalen Informationssuche auf Platz zwei hinter den klassischen Suchmaschinen stehen – besonders bei komplexeren Informationen.
Die Fähigkeit, zuzuhören und auf Rückfragen zu antworten, wird also zur journalistischen Kernkompetenz. Erste Best Cases aus Deutschland sind der Nachrichten-Chatbot „ChatEurope“ der DPA, der letzten Sommer gemeinsam mit anderen europäischen Medienhäusern zu europäischen Themen gelauncht wurde oder – noch ohne KI – das Portal „LokalPuls“ der Neuen Osnabrücker Zeitung. Diese sehr dialogisch geprägte Informationsplattform und Community für die Bewohner der Kleinstadt Melle stellt geprüfte Inhalte aus der NOZ-Redaktion bereit, aber auch Informationen aus der Community, sprich UGC. Die Redaktion steigt aktiv in den Dialog mit der Community ein und ist berührbar.
Das dialogische Öffnen gegenüber dem Publikum bedeutet, dass man mit Menschen in Kontakt kommt und andere Perspektiven erfährt.
Prof. Dr. Klaus Meier, Lehrstuhl für Journalistik mit Schwerpunkt Innovation und Transformation an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt
Whats-Hyperlocal
WhatsApp-Channels etablieren sich immer mehr als wichtiger Kanal für den Alltag. Für 84 Prozent der Jugendlichen in Deutschland ist WhatsApp sogar die wichtigste App im Alltag. Ein Vorteil kann das besonders für den Lokaljournalismus sein. Hier erreichen Nachrichten die Menschen dort, wo sie ohnehin kommunizieren. Beim Thema Hyperlokalität kommt dann wie bei der Hyperpersonalisierung oft die KI ins Spiel. Hyperlocal funktioniert zwar auch ohne KI. Aber damit kleinere lokale Entitäten – ein Viertel, eine Straße, ein Vorort – effizient, finanziell lohnend und erfolgreich bedient werden können, braucht es oft die Unterstützung von KI.
Die Süddeutsche Zeitung ist in München und bestimmten Communities sehr präsent. Doch ein Bereich ist aufgrund der dortigen Redaktionsschließungen unterversorgt: Das Münchner Umland, insbesondere die jüngeren Zielgruppen dort. Die Lösung der SZ: KI-getriebene WhatsApp-Channels. Mit dem Projekt, das sie gemeinsam mit dem Dienstleister BeatSquare umgesetzt hat, ist die SZ Vorreiter auf diesem Gebiet. Insgesamt betreibt sie so acht lokale WhatsApp-Channels, die 7.000 Abonnent:innen in drei Wochen eingebracht haben. Der größte Kanal hat 1.900 Follower:innen.
Der große Vorteil: Es werden nicht mehr nur die typischen „Bildungsbürger:innen“ angesprochen, die sonst meistens die SZ lesen.
Wenn du aber ein Medium bespielst, das jeder in der Hand hat, ist das eine wunderbare Möglichkeit, diesen Medienbruch zu umgehen und deine Marke einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Petra Schwegler, Senior Partner & Program Manager beim MedienNetzwerk Bayern | Werbung & Publishing
Bonustrend: Cybersecure Media
Ein Thema schwebt über allem: Die Sicherheit. IT-Security wandelt sich vom technischen Randthema zur existenziellen Strategiefrage. Anders als oft vermutet, stehen heute nicht mehr nur Konzerne im Visier, sondern die gesamte journalistische Lieferkette. Hackerangriffe zielen nicht mehr nur auf Daten, sondern auf die journalistische Integrität und den Sendebetrieb. Medienhäuser müssen ihre Resilienz stärken – denn Sicherheit ist das Fundament für all die oben genannten Trends.
Technologie und Nutzerverhalten – die Treiber für Trends
Dass sich gerade die Medienlandschaft ständig verändert, beobachten Forschende, aber auch jede:r Einzelne tagtäglich. Neu sei aber das rasante Tempo, ordnet Dr. Thorsten Schmiege ein, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) und Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) sowie der Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK).
Um einen Rechtsrahmen für aktuelle Veränderungen bei Privatmedien, zu denen auch Plattformen und KI gehören, zu schaffen, setzen sich aktuell die Bundesländer zusammen. Ziel ist es, nicht mehr Formate zu regulieren, sondern sich dieser Themen entwicklungsoffener anzunähern, etwa durch sogenannte „Level Playing Fields“, also faire und einheitliche Rahmenbedingungen für alle Wettbewerbsteilnehmer.
Entscheidend sei, so Dr. Schmiege, neue Entwicklungen von beiden Seiten zu betrachten: der risikoreichen, die sanktioniert werden muss, aber auch der chancengebenden, die auch für die Medienbranche einen enormen Nutzen hat.
Lerne die Medientrends 2026 kennen!
Alle Trends zusammengefasst kannst du dir hier nochmal herunterladen.
Wir arbeiten gerade auf Hochtouren daran, alle Trends für das Jahr 2026 für euch einzuordnen. Im Laufe dieser Woche erscheinen sie deshalb hier auf unserer Website. Schaut am besten regelmäßig vorbei, um nichts zu verpassen!






