Microverses
Abkehr vom öffentlichen Feed ins Private: User:innen suchen algorithmusfreie Safe Spaces, wo der Mensch im Fokus steht
von Lisa Priller-Gebhardt, 5. Februar 2026
Immer mehr Menschen kehren den großen Social-Media-Bühnen den Rücken. Statt öffentlicher Selbstdarstellung suchen sie gezielten Austausch in überschaubaren, interessengeleiteten Räumen, die Nähe und Vertrauen bieten. Heute geht es nicht mehr primär um Reichweite oder Followerzahlen, sondern um Gespräche mit Menschen, die ähnliche Interessen teilen.
Es ist ein Paradoxon unserer Zeit: Während die Zahl der registrierten Social-Media-Nutzer:innen weltweit stetig zunimmt, gehen die Social-Media-Nutzungsraten schleichend zurück. Und wenn man in Social Media unterwegs ist, dann zunehmend lieber in persönlicheren, algorithmusfreien Communities, wo echter und direkter Austausch von Mensch zu Mensch möglich ist. Damit setzt sich ein Trend, der bereits im Influencer-Business zu beachten war – hin zu Micro- und Nanoinfluencer:innen – auf Plattformebene weiter.

Social Media ist für viele Menschen nicht mehr das, was es mal war: Digitale Spielwiese für soziale Interaktion. Stattdessen fluten algorithmusbasierte News, gesponserte Posts und KI-generierte Inhalte die Timelines. Auf diese Entwicklung reagiert vor allem eine Gruppe: die Gen Z. Sie treibt den Rückzug in sogenannte Microverses voran. Studien zeigen, dass die Abwanderung von den offenen Plattformen bei unter 30-Jährigen am stärksten ausgeprägt ist.
„Gerade die jungen Menschen haben gemerkt, dass die sozialen Medien nicht sozial sind und suchen sich ihre eigenen Räume“, sagte Petra Schwegler, Senior Partner & Program Manager vom MedienNetzwerk Bayern, anlässlich der Präsentation der Medientrends 2026.
Gefragt sind Algorithmusfreiheit und echte Verbindungen
Zahlen für diesen Trend liefert eine große Studie aus den USA. Laut The Verge und Vox Media sind folgende Faktoren maßgeblich, um sich mit anderen verbunden zu fühlen: kleine Gruppen (91 Prozent), Interaktion (91 Prozent) und Inhalte (78 Prozent). 53 Prozent sind sogar der Meinung, digitale Communities sollten nicht größer als 200 Menschen sein. Und 50 Prozent der User:innen würden für eine Community bezahlen, wenn sie Premium Content beziehungsweise gut zugeschnittene Inhalte bietet. Auch Empfehlungen sowie aktive Diskussionen sind wünschenswert, aber auch die Möglichkeit, die Community oder bestimmte Creators zu unterstützen.

Der Trend geht zum direkten Austausch
Social-Media-Plattformen wissen um die Abkehr vom Feed hin zu kleineren und geschlossenen Kommunikationsräumen und bieten deshalb entsprechende Features an. So erfreuen sich die „Close Friends“-Funktion sowie die Story-Gruppen auf Snapchat gerade bei der jungen Zielgruppe großer Beliebtheit.
Auch auf Instagram führt der Shift weg vom öffentlichen Feed. Inzwischen sind die Direct Messages die treibende Kraft. Deshalb baut der Eigentümer Meta dort Funktionen wie die Broadcast Channels weiter aus.
Zwei Millionen Creator:innen betreiben bereits Instagram-Broadcast-Channels. Und über 1,5 Milliarden der monatlichen Interaktionen in Instagram finden in Broadcast-Channels statt. Auch bei der Insta-Schwester Facebook suchen die User:innen die echte Verbindung. 36 Prozent der aktiven Nutzer:innen geben „Engagement in den Gruppen“ als Hauptaktivität auf der Plattform an. Damit ist es sogar beliebter als das Teilen von Inhalten im Feed.
Ab in die Nische: Community-getriebene Netzwerke wachsen
Am meisten profitiert wohl die Plattform Reddit vom Trend „Weg von den öffentlichen Marktplätzen, rein ins private Wohnzimmer“. Es entwickelt sich als Kontrapunkt zu Echokammern wie Facebook. User:innen können sich dort ihre Bubbles, die sogenannten Subreddits, aussuchen und bleiben bei Hobbies oder anderen Themen unter Gleichgesinnten. Die Nutzerzahlen sind 2025 in Deutschland um 39 Prozent gesprungen.
Ebenfalls auf Erfolgskurs ist Discord, das früher in erster Linie Anlaufstelle für Gamer:innen war. Der jährliche Nutzerzuwachs liegt bei 20 Prozent. Ähnlich wie Reddit bietet die Plattform mit ihren Servern geschlossene, übrigens auch monetarisierbare Strukturen an, in denen themengetriebene und tiefgehende Diskussionen stattfinden. Marken richten dort Content-Hubs ein, in denen sie unterschiedliche Server anbieten und empfehlen.

Für Journalist:innen ist es laut Medienexpertin Schwegler wichtig, sich ebenfalls dort zu tummeln. „Die Rückkanalfähigkeit ist ein Gewinn. Medien sehen, was die Menschen bewegt. Das ist eine wertvolle Basis für ihre tägliche Arbeit.“
Diskussion als journalistisches Angebot
Zahlreiche Medienhäuser haben diesen Trend bereits erkannt und eigene Angebote aufgezogen. So wie beispielsweise das ZDF. Interessierte, die gerne im öffentlichen Diskurs mitmachen würden, aber die großen Plattformen meiden wollen, finden mit den ZDF Spaces einen Raum für konstruktive und respektvolle Debatten rund um bestimmte ZDF-Bewegtbildangebote.
Dem wachsenden Bedürfnis der Leserschaft nachzukommen, am politischen Geschehen näher dran zu sein – das war die Überlegung, aus der heraus vor einem Jahr bei der Verlagsgruppe Hof, Coburg, Suhl, Bayreuth (HCSB) das Community-Kommentarsystem Plural, entstand. User:innen sollen sich zu Themen austauschen können, die vor ihrer Haustüre stattfinden. Denn auch auf lokaler Ebene gibt es reichlich Diskussionsbedarf: geplante Umgehungsstraßen, Kommunalpolitik-Skandale, streitbare ÖPNV-Entscheidungen. Das besondere an Plural: Regionalfilter ermöglichen gezielten Austausch nach Regionen, Landkreisen, Städten oder Postleitzahlen.
Quellen & nützliche Links:
- Der Standard: Social Media Konsum nimmt weltweit ab
- Studie von The Verge zu Algorithmusfreiheit
- Awisee: Statistik zu Snapchat
- Online-Marketing: Instagram-Broadcast-Channels
- Inbeat Agency: Meta Statistics
- Wirtschaftswoche: Reddit wächst in Deutschland
- ZDF: ZDF Spaces
- MEDIENTAGE MÜNCHEN: Rezepte gegen den Abo-Schwund






