Perspektopoly
Perspektopoly: So gewinnt der Journalismus durch neue Perspektiven Vertrauen zurück
von Xenia Beitz, 5. Februar 2026
Perspektopoly markiert den kritischen Wendepunkt für das Vertrauen in die deutsche Medienlandschaft. Wenn nur jede zehnte Person die eigene Lebensrealität in der Berichterstattung wiederfindet, steht die gesellschaftliche Relevanz des Journalismus zur Debatte. Zwischen akademisch geprägten Redaktionen und der Abwanderung des Publikums in Gegenöffentlichkeiten sucht die Branche nach Wegen für eine echte Repräsentanz.
Medien sind für die meisten Menschen in Deutschland weit mehr als Unterhaltung; sie sind die zentrale Informationsquelle. Ob tagesaktuelle News oder Deep Dives in komplexe Alltagsthemen – der Anspruch an Journalist:innen ist hoch. Trotzdem liegt das Medienvertrauen in der Bundesrepublik aktuell auf einem vergleichsweise niedrigen Level.

Ein Hauptgrund: Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung erkennt sich in der Berichterstattung wieder. Stimmen wie jene von Julia Ruhs verdeutlichen die Problematik: Sie kritisiert, dass bürgerlich-konservative Perspektiven im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu wenig stattfinden – und zwar nicht nur im rein politischen Sinne, sondern als Teil einer fehlenden lebensweltlichen Vielfalt. Spätestens mit diesen Debatten wird klar: Die Kritik an der mangelnden Diversität der Redaktionen wird lauter.
Wer findet sich in den Nachrichten wieder?
Die repräsentative Online-Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Civey fragte im Auftrag von Readly 2500 Menschen in Deutschland, ob sie sich als Person in der Berichterstattung der deutschen Medien wiederfinden. Das Ergebnis: Nur 10,6 Prozent haben den Eindruck, dass Medien ihre Positionen repräsentieren. Demgegenüber stehen 62 Prozent, die das Gegenteil empfinden. Besonders in zwei Bevölkerungsgruppen ist das Gefühl der Nicht-Repräsentanz hoch: bei AfD-Anhänger:innen und bei Studierenden.

Außerdem fällt auf, dass die Menschen sich umso weniger repräsentiert fühlen, je niedriger die Bevölkerungsdichte im eigenen Wohnumfeld ist. Für Marie-Sophie von Bibra, Geschäftsführerin von Readly, ist das ein klares Zeichen, die Regional- und Lokalberichterstattung zu stärken.
Ist die „Schein-Vielfalt“ in Redaktionen der Grund?
„Wenn sich neun von zehn Menschen nicht in den Medien wiederfinden, ist das ein Signal, das wir ernst nehmen müssen“, fasst die Geschäftsführerin zusammen. Die Ursachenforschung führt unweigerlich in die Medienredaktionen selbst. Dort fällt schnell auf: Die Lebensrealität vieler Journalist:innen ist ähnlich. Mindestens vier von fünf haben studiert; oft sind die Eltern selbst Akademiker:innen und arbeiten als Ärzt:innen, Lehrer:innen oder Ingenieur:innen.
Der Erfolg als Journalist:innen ist hierzulande immer noch eng mit der sozialen Herkunft verknüpft – und das spielt schon bei der Ausbildung eine wichtige Rolle. Der Weg in den Beruf führt meist über das Abitur, ein Studium, oft unbezahlte Praktika und Volontariate. Diese Hürden kann nicht jede:r nehmen.
Soziale Herkunft ist dabei komplex: Sie umfasst neben dem Bildungsgrad auch den familiären Hintergrund, die Jugendsozialisation und die ethnische Herkunft. Erst 2021 wurde die Charta der Vielfalt, zu deren Förderung sich 2006 unter anderem auch Medienunternehmen wie das ZDF, die ARD-Anstalten, die ZEIT und der Axel-Springer-Verlag verpflichteten, um diese Dimension erweitert.
Politische Einstellung vs. Neutralität
Auch die politische Ausrichtung in den Redaktionen wirkt oft homogen. Die Journalismusbefragung 2024 der TU Dortmund zeigt, dass Medienmacher:innen in Deutschland mehrheitlich der Partei Bündnis 90/Die Grünen zugeneigt sind. Platz zwei belegt die SPD mit einem Anteil von 16 Prozent, die AfD wird im Ergebnis nicht explizit aufgeführt. Rund ein Viertel der Befragten gibt an, keiner Partei nahezustehen.
Diane Dotzauer, Programmbereichsleiterin BAYERN 1, BAYERN 3 und BR PULS ordnete dies bei der Präsentation der Medientrends 2026 ein: Unabhängig von der persönlichen Neigung bleibe es die Kernaufgabe von Journalist:innen, neutral zu berichten und die eigene Perspektive in den Hintergrund zu rücken.
Von verlorenem Potenzial bis zur Abwanderung
Wer die soziale Durchmischung vernachlässigt, verliert wertvolle Perspektiven, Erfahrungen und Fähigkeiten. Vielfalt in der Redaktion verringert das Risiko von Stereotypisierung und Fehlern. Die Folgen fehlender Repräsentanz sind bereits heute sichtbar: Menschen, die sich nicht gehört fühlen, ziehen sich in geschlossene Gegenöffentlichkeiten zurück.
Dieser Prozess lässt sich in zwei Stufen unterteilen und zeigt sich auch in Deutschland bereits: Nutzer:innen wenden sich vom medialen Mainstream ab. Stattdessen konsumieren sie Formate wie Nius, das Newsformat des ehemaligen Bild-Chefs Julian Reichelt, oder sie bedienen sich an den Informationen, die der christliche Influencer Leonard Jäger unter seinem Pseudonym „Ketzer der Neuzeit“ auf seiner Internetseite bereit stellt. Beide Plattformen ignorieren oft die klassischen journalistischen Standards. In der zweiten Stufe – wie bereits in den USA bei Plattformen wie Daily Wire oder in Brasilien bei Brasil Paralelo zu beobachten – entstehen völlig eigene Weltbilder und Narrative, die eine Rückkehr in den gemeinsamen Diskurs erschweren.
Von innen nach außen: Wie echte Vielfalt gelingt
Um diesen Negativtrend zu stoppen, haben deutsche Medienhäuser eine Reihe von Entwicklungen zu bewältigen. Besonders im Fokus stehen dabei interne Prozesse. Echte Vielfalt beginnt bei der Chancengleichheit im Recruiting. Initiativen wie #DuKannstJournalismus der Deutschen Journalisten Schule in München, das Projekt „Voices of Brandenburg“, das PULS Talente Programm des BR oder die Neuen deutschen Medienmacher:innen setzen hier an.
Der Journalismus bleibt auch 2026 ein Balanceakt zwischen dem Auftrag der neutralen Berichterstattung und der Abbildung verschiedener Lebensrealitäten. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns die Debatten beim Thema Perspektiven nicht zu krass diktieren lassen“, resümiert Lukas Schöne vom MedienNetzwerk Bayern. Nach außen helfe es, auf inklusive Sprache und einen Fokus auf Kompetenzen statt auf Zeugnisse zu setzen.
Doch Diane Dotzauer betont: „Echte Vielfalt ist eine Reise.“ Die interne Kulturarbeit beim BR habe Jahre gedauert, bis Diversität wirklich gelebt wurde.
Quellen & nützliche Links
- Langzeitstudie zum Medienvertrauen - Nachrichten - WDR
- Julia Ruhs | BR24
- Markt- und Meinungsforschung mit Civey. Know more. Act better.
- Umfrage: Mehrheit fühlt sich in Medien nicht repräsentiert | STERN.de
- Studie: Nur jede:r Zehnte erkennt sich in deutschen Medien wieder | Presseportal
- Arbeiterkinder: Wertvolle Perspektiven für die Medienbranche
- Charta der Vielfalt Website 2025
- Journalist*innen 2024 - Journalismus und Demokratie
- Gegenöffentlichkeiten
- Aktuelle Nachrichten | NIUS.de
- The Daily Wire - Breaking News, Videos & Podcasts
- Brasil Paralelo
- Bewerbungsstart für #DuKannstJournalismus-Workshops in Cottbus und Frankfurt (Oder) - Deutsche Journalistenschule
- Voices of Brandenburg - Medienanstalt Berlin-Brandenburg
- PULS Talente Programm: Dein Talent zählt! | Über uns | PULS
- Neue Deutsche Medienmacher*innen: Guter Journalismus ist vielfältig.






