Sicherheit auf Demonstrationen: Wie Polizei und Medien Vertrauen aufbauen

Von Giulia Neumeyer, 9. Oktober 2025; aktualisiert am 27. Februar 2026

Im Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen ist Deutschland 2025 erstmals aus den Top 10 herausgefallen und liegt auf Platz 11. Ein Grund dafür: Angriffe auf Journalist:innen in der Öffentlichkeit nehmen zu. Vor allem Demonstrationen werden immer mehr zur Gefahrenzone. Das bestätigen auch aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA): 818 registrierte Fälle, darunter 89 Gewaltdelikte, wurden von April 2024 bis November 2025 registriert. Dabei sind Presse- und Meinungsfreiheit Grundrechte in Deutschland und müssen besonders geschützt werden. Denn es ist essenziell, dass Medienschaffende immer und überall frei berichten können.

Um den Austausch zu fördern, bringt das MedienNetzwerk Bayern gemeinsam mit dem Bayerischen Journalisten-Verband (BJV) sowie dem Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration (StMI) und unterstützt von der Bayerischen Staatskanzlei seit drei Jahren Journalist:innen und Polizei an einen Tisch. Aus den ersten Round Tables ging 2023 bereits ein umfassender Bericht hervor, in dem verschiedene Spannungsfelder und erste Lösungsansätze herausgearbeitet wurden.

Die Round Tables im September 2025 und Februar 2026 knüpften an die Gespräche über Sicherheit, Verständnis und Erkennbarkeit an.

Hier sitzen die Exekutive und die sogenannte vierte Gewalt gemeinsam an einem Tisch. Das ist angesichts der Lage weltweit gar nicht selbstverständlich. Es ist ein wichtiges Signal für den Stellenwert der Pressefreiheit.

Lukas Schöne, Senior Partner Manager für den Bereich Journalismus beim MedienNetzwerk Bayern

Andrea Roth, stellvertretende Vorsitzende des BJV, machte in München deutlich: „Die Sache ist ernst.“ Die Zahl verbaler und körperlicher Angriffe auf Medienschaffende sei seit der Corona-Pandemie gestiegen und erst im vergangenen Jahr musste ein trauriger Höchststand von 98 tätlichen Übergriffen in Deutschland verzeichnet werden.

Wenn Journalistinnen und Journalisten nicht mehr berichten, weil sie sich nicht sicher fühlen, verliert die Gesellschaft einen wesentlichen Teil ihrer Informationsgrundlage. Deshalb ist es entscheidend, dass wir gemeinsam daran arbeiten, die Rahmenbedingungen für freie Berichterstattung zu verbessern.

Andrea Roth, Stellvertretende Vorsitzende des BJV

Dennis Amour, Geschäftsführer des BJV, wies beim Round Table in Nürnberg auf eine spürbare Verschiebung der Bedrohungslage hin: Spätestens seit den Corona-Demonstrationen kommen Anfeindungen unverhofft und längst nicht mehr nur von den extremen Rändern, sondern auch aus der Mitte der Gesellschaft.

Besonders im ländlichen Raum stehen Reporterinnen und Reporter unter Druck: Wer für die Lokalzeitung arbeitet, ist oft „bekannt wie ein bunter Hund“. Hinzu kommt das Problem des gezielten Doxings: Bekannte Journalist:innen werden auf Demos teils direkt als Feind markiert und laufen Gefahr, auch privat zur Zielscheibe zu werden. Die fatale Folge, vor der der BJV warnt: Selbstzensur. Immer mehr Reporter:innen fragen sich, ob sie ein Thema überhaupt noch anfassen sollen.

Lese-Tipp: „Pressefreiheit endet nicht am Rand der Demo“ – Interview mit BJV-Vorsitzender Andrea Roth

Begleitend zu den Round Tables haben wir mit Andrea Roth (BJV) ausführlich über die unterschiedliche Rollen und die Grenzen des Presseausweises gesprochen. Im Interview erklärt sie, warum Unabhängigkeit nicht Abschottung bedeutet und was Medienhäuser jetzt strukturell leisten müssen.

Hier geht es zum kompletten Interview.

Sicherheit, Erkennbarkeit und Zeitdruck: Praktische Herausforderungen auf Demonstrationen

In Kleingruppen kamen Journalist:innen und Polizeivertreter:innen direkt ins Gespräch über Situationen, die in der Praxis zu Missverständnissen und Spannungen führen. Ein wiederkehrendes Thema war die Schwierigkeit, Journalist:innen eindeutig zu erkennen. Auf Demonstrationen sind immer häufiger auch aktivistische oder parteiische Medienschaffende anwesend. Diese Personen geben sich als Journalist:innen aus, beachten allerdings keine journalistischen Grundsätze. Oft stören sie dabei seriöse Journalist:innen bei der Arbeit oder wechseln zwischen den Seiten der Berichterstattenden und Demonstrierenden hin und her. Die Polizei kann die Rolle dieser Personen dann nur schwer zuordnen. Doch das Neutralitätsgebot zwinge sie, alle gleich zu behandeln – mit der Folge, dass auch seriöse Journalist:innen manchmal zurückgedrängt würden.

Journalisten und Polizisten sitzen gemeinsam an einem Tisch und erarbeiten Lösungen zur Verbesserung der Zusammenarbeit.

Ein weiteres großes Thema für Journalist:innen: Sie fühlen sich auf Demos oft nicht aktiv genug geschützt, gerade wenn sie angefeindet oder sogar von gefährlichen Demo-Teilnehmer:innen verfolgt werden. Während Berichterstattende in Brennpunkten wie Berlin oder Sachsen oft bis zum Auto, der U-Bahn oder sogar bis nach Hause von der Polizei begleitet werden, ist das in Bayern die Ausnahme. Die Erklärung der Einsatzkräfte liegt schwierigen in der Vorab-Kalkulation: Die Lagebeurteilung in Bayern geht meist von einer vergleichsweise sichereren Grundstimmung aus. Der Schutz wird hier über einen großflächigen „Raumschutz“ gewährleistet. Für spontanen, persönlichen Begleitschutz einzelner Medienschaffender fehlt vor Ort dann schlicht das Personal, da Einsatzhundertschaften anders verplant sind. Darum sei es besonders wichtig, Angriffe anzuzeigen, so Vertreter:innen der Polizei.

Beim Round Table zur Sicherheit von Journalisten bringt auch die Polizei ihre Sichtweise mit ein.

Auch die Polizei brachte ihre Perspektive ein: Manche Beamt:innen hätten Sorge, in emotional aufgeheizten Situationen unfair zitiert oder in falschem Kontext dargestellt zu werden. Sichtbar wurde hier ein Grundmuster: das Bedürfnis nach Sicherheit und Vertrauen auf beiden Seiten.

Vertreter des Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration betonten die aus ihrer Sicht positive Sicherheitslage für Journalist:innen im Freistaat.

Im Jahr 2024 wurden der Bayerischen Polizei drei Körperverletzungsdelikte bekannt, die sich gegen Medienschaffende richteten. Doch auf diesen hervorragenden Zahlen wollen wir uns nicht ausruhen, weswegen wir weiterhin Projekte zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten in Bayern fördern.

Bayerisches Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration

Teil der Wahrheit ist jedoch auch die deutlich höhere Dunkelziffer. Die Gründe dafür sind vielfältig: Einerseits bleiben viele Übergriffe unterhalb der Strafbarkeitsgrenze, andererseits ist der Aufwand einer Anzeige hoch und Verfahren dauern lang. Auf diese Weise bleiben viele Anzeigen aus und die Polizei erkennt die tatsächliche Not oft nicht in ihrem vollen Ausmaß, weil ihr die statistische Grundlage fehlt.

Was aktuell fehle, sei ein Weg, Angriffe ohne große Hürden zu melden, so einige Journalist:innen. Ein Lösungsansatz könnte eine Dokumentationsstelle nach dem Vorbild von „RIAS“ (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) sein. Dort werden Vorfälle auch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze erfasst, um bedenkliche Tendenzen sichtbar zu machen – ein Konzept, das sich auch auf den Journalismus übertragen ließe. Wer bereits heute unkompliziert und online Anzeige erstatten möchte, kann dafür beispielsweise das Portal „Bayern gegen Hass“ des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz nutzen.

Perspektivwechsel zeigt die Herausforderungen im Arbeitsalltag

Im Rahmen eines Perspektivwechsels zeigte sich, dass viele Herausforderungen bereits in den Strukturen des Arbeitsalltags wurzeln. Journalist:innen stehen häufig unter enormem Zeitdruck – gerade Freie erhalten Aufträge oft erst kurzfristig, sodass eine vorherige Abstimmung mit der Polizei kaum möglich ist. Aufseiten der Einsatzkräfte wiederum erschweren begrenzte Ressourcen und andere Zuständigkeiten eine Betreuung von Medienvertreter:innen.

Beim Perspektivwechsel werden zentrale Probleme in der Zusammenarbeit von Polizei und Medien sichtbar.

Auch wurde deutlich, dass gegenseitige Erfahrungen die Wahrnehmung beider Gruppen prägen. Einige Teilnehmer:innen äußerten zudem das Gefühl, negative Begegnungen könnten unbewusst in Berichterstattung oder Einsatzverhalten einfließen – ein Kreislauf, der das Vertrauen zusätzlich belastet. Mehr Verständnis für die jeweilige Arbeitsweise könnte hier helfen: Journalist:innen sind nicht nur mit der Kamera unterwegs, sondern auch schreibend, hörend oder beobachtend tätig und müssen für ihre Recherchen oft dicht am Geschehen bleiben. Gleichzeitig bewegen sich Polizist:innen auf Demonstrationen und Veranstaltungen in einem Spannungsfeld zwischen Fremd- und Selbstschutz und müssen verschiedene Grundrechte abwägen.

Maßnahmen für mehr Sicherheit und Verständnis

Um den Zielkonflikt zwischen schneller Informationsbeschaffung und dem Schutz von Journalist:innen sowie der Einsatzlage der Polizei zu entschärfen, wurden verschiedene Maßnahmen diskutiert. Zentral ist die Kontaktaufnahme vor Demonstrationen: Die Polizei lädt Journalist:innen zu Lageplanbesprechungen ein, bei denen sichere Räume, Schutzmöglichkeiten und Ablaufdetails geklärt werden, während Medienschaffende sich freiwillig anmelden, um die Koordination und Sicherheit zu erleichtern. Schulungen in den Ausbildungen und Studiengängen beider Parteien, aber auch Austauschformate wie Polizeiübungen, Briefings oder informelle Gesprächsrunden fördern gegenseitiges Verständnis. Gespräche mit Einsatzleitungen ermöglichen zudem, Erwartungen zu klären und Vertrauen aufzubauen.

Dennoch betonte Workshopleiter Thomas Hartmann: „Eine endgültige, perfekte Lösung wird es nicht geben.” Die Maßnahmen stellen wichtige Schritte auf dem Weg zum Umgang mit dem Zielkonflikt dar, trotzdem blieben Fragen offen: Wie lässt sich die seriöse Presse für die Polizei noch besser erkennbar machen? Welche bestehenden Austauschmöglichkeiten können weiter ausgebaut werden, und wie erreicht man dafür insbesondere freie Journalist:innen? Viele Journalist:innen zögern, Probleme offen anzusprechen – oft aus Sorge, weniger Aufträge zu bekommen. Umso wichtiger ist es, die gewonnenen Erkenntnisse in die eigenen Netzwerke zu tragen und sich an Vertreter:innen wie den BJV zu wenden, die die Interessen ihrer Kolleg:innen bündeln und sichtbar machen.

Von der Theorie in die Praxis: Was jetzt hilft

Dass der Austausch beim Round Table wirkt, zeigt sich an konkreten Maßnahmen, die bereits aus dem 4-Punkte-Programm der bayerischen Staatsregierung resultieren:

  • Perspektivwechsel in der Ausbildung: Um das Verständnis für die journalistische Arbeit zu schärfen, hospitierte erst vor wenigen Wochen ein erfahrener Pressevertreter im Masterstudiengang der Polizei-Hochschule. Auch in Volontariaten ist das Verhalten auf Demonstrationen immer öfter ein wichtiges Thema.
  • Klare Leitfäden: Um im Ernstfall schnell reagieren zu können, erarbeitet das Innenministerium aktuell einen Informationsflyer. Er soll künftig konkrete Handlungsempfehlungen und wichtige Ansprechpartner:innen für Medienschaffende bündeln.
  • Kommunikation vor und nach dem Einsatz: Ein starker Hebel ist das Vorab-Kennenlernen. Wenn Redaktionen sich proaktiv bei den Dienststellen vorstellen, wächst das Vertrauen. In Nürnberg entstand zudem die Idee eines „Check-in-Calls“: Ein kurzes Telefonat zwischen Pressestelle und Journalist:in am Ende einer Demo, um sicherzustellen, dass der:die Reporter:in sicher am Auto angekommen ist.

Pressemitteilung zum Round Table in Nürnberg

Wir freuen uns, wenn ihr das Thema in eurem Netzwerk weiter vorantreibt. Nutzt hierfür gern die aktuelle Pressemitteilung.

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