News Avoidance: Wie Medienhäuser auf die Nachrichtenmüdigkeit reagieren

von Franziska Mozart, 09. Dezember 2024; aktualisiert am 20. Januar 2026

Einfach den Kopf in den Sand stecken: Die Vogel-Strauß-Taktik wird für immer mehr Menschen in Deutschland zur Bewältigungsstrategie. Überfordert von der Flut negativer Schlagzeilen, wenden sie sich bewusst von Nachrichten ab. Dieses Phänomen der sogenannten „News Avoidance“ stellt besonders den Journalismus vor neue Herausforderungen. Doch wie können Medienhäuser die Menschen trotzdem erreichen?

Viele Menschen, die ihren Nachrichtenkonsum bewusst eindämmen, tun dies, um sich emotional zu entlasten. Sie wollen sich vor negativen Einflüssen schützen oder vermeiden, dass sie sich überfordert fühlen. Dieser Trend hat in den vergangenen Jahren weltweit zugenommen, was Forschende und Medienunternehmen gleichermaßen beschäftigt. Zumal der Rückzug aus dem Nachrichtenkonsum ein Problem für die Demokratie darstellt, die auf informierten Bürger:innen basiert. Wenn Menschen Nachrichten vermeiden, kann das auch das Vertrauen in Institutionen untergraben und den gesellschaftlichen Dialog erschweren.

Für Medienunternehmen stellt dieser Trend darum eine besondere Herausforderung dar: Sie leben schließlich davon, dass ihre Zielgruppe informiert werden will. Viele Redaktionen reagieren bereits darauf und versuchen, spezielle Angebote für jene zu schaffen, die Nachrichten aus dem Weg gehen. Eine Strategie ist der konstruktive Journalismus, der positive Lösungsansätze zu globalen Problemen aufzeigt und somit emotional entlastend wirken kann.

Der Anteil der „News Avoider“ steigt

Forschende des britischen Reuters Institute befragen erwachsene Internetnutzer:innen jährlich zum Thema News Avoidance. Für 2025 konnte das Marktforschungsinstitut einen deutlichen Anstieg derjenigen feststellen, die Nachrichtenkonsum vermeiden: Während 2017 weltweit noch drei von zehn Befragten angaben, Nachrichten selektiv zu meiden (manchmal oder oft), sind es 2025 bereits 40 Prozent – ein Anstieg von mehr als zehn Prozentpunkten. In Deutschland versuchten mit 71 Prozent so viele der erwachsenen Internetnutzer:innen wie nie zuvor aktiv, News zumindest gelegentlich zu umgehen. 

40 Prozent sagen, dass sie heutzutage oft oder manchmal die Nachrichten vermeiden. | Quelle: eigene Darstellung nach Reuters Institute: Digital News Report 2025 (S. 27)

Die Gründe, warum sich Menschen dem Informationsangebot der Medien entziehen, bleiben allerdings ähnlich: Die meisten „News Avoider“ (39 Prozent) sagen, zu viel Nachrichtenkonsum wirke sich negativ auf ihre Stimmung aus; viele fühlen sich auch überfordert von der Menge an Nachrichten. 2019 waren es noch 28 Prozent. Auch die Nachrichtenauswahl belastet Menschen weltweit: rund 30 Prozent geben an, es würde zu viel über Kriege, Konflikte und Politik berichtet. Gerade die jüngere Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen empfindet Nachrichten häufig nicht als relevant für ihr Leben (19 Prozent).

Deutschland gehört zu den Ländern, in denen der Anstieg dieser Gruppe der Erschöpften besonders hoch ist. Auch in Spanien, Dänemark, Brasilien, Südafrika und Frankreich hat die Nachrichtenmüdigkeit zugenommen. Am höchsten ist die aktive Nachrichtenvermeidung jedoch in Bulgarien, der Türkei, Kroatien und Griechenland – in allen Ländern sind es mehr als 60 Prozent. Diese Erschöpfung zieht sich durch alle Alters- und Geschlechtsgruppen und auch der Grad der Bildung macht hier keinen signifikanten Unterschied. In engem Zusammenhang mit News Avoidance scheint allerdings ein geringes Vertrauen in und wenig Auseinandersetzung mit Nachrichten zu stehen – besonders, weil es immer mehr News gibt, die auf unterschiedliche Weise anstrengen.

Wie Medienunternehmen weltweit darauf reagieren:

Konstruktiver Journalismus

Der Ansatz des konstruktiven Journalismus‘ sieht vor, bei der Berichterstattung über Probleme und Krisen passende Lösungen oder Beispiele für den besseren Umgang mit Negativem mitzuliefern. Allerdings bedeutet das oft mehr Recherche und damit auch mehr Ressourcen: Neue Ansätze, Meinungen von Expert:innen und Beispiele aus anderen Regionen können fundierte Lösungsansätze aufzeigen.

  • In Dänemark gibt es das Constructive Institute an der Universität Aarhus, das Journalist:innen und Nachrichtenorganisationen dabei unterstützt, konstruktive Berichterstattung anzuwenden. Es sammelt Best-Practices, gibt Workshops, vergibt Stipendien und unterstützt unabhängige wissenschaftliche Forschung. Konstruktiver Journalismus ist ein wichtiges Mittel, um Medien und Demokratien zu stärken, so die Überzeugung dahinter. 
  • Hierzulande bietet das Bonn Institut Journalist:innen und Redaktionen Fortbildungen, Inhalte und Veranstaltungen, um konstruktiven Journalismus stärker in der Medienlandschaft zu verankern. Gegründet wurde es 2022 in Kooperation mit dem dänischen Constructive Institute und mehreren Medienunternehmen wie der Deutschen Welle, der Rheinischen Post Mediengruppe und RTL Deutschland.
  • Das internationale Solutions Journalism Network hat es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht, lösungsorientierten Journalismus zu fördern. Die NGO will Journalismus so verändern, dass alle Menschen Zugang zu Nachrichten haben, die ihnen helfen, eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu schaffen. Dafür bietet sie Trainings und versucht, die Newsrooms von innen heraus zu verändern. Es geht dabei darum, gemeinschaftsorientierten und auf Gerechtigkeit fokussierten Klimajournalismus voranzubringen zu fördern. Lösungsorientierte Klimageschichten haben einen größeren, positiveren Einfluss auf die Gesellschaft, ist das Netzwerk überzeugt. 

Perspective Daily veröffentlicht seit 2016 lösungsorientierte Artikel und arbeitet nach den Prinzipien des konstruktiven Journalismus. Gegründet wurde die Online-Plattform für ausgewählte Inhalte von den beiden Neurowissenschaftler:innen Maren Urner und Han Langeslag. Ziel ist es, die Leser:innen zum Handeln zu befähigen und ihnen Lösungen aufzuzeigen.

Positiver Journalismus

Wichtig ist es, zwischen konstruktivem und positivem Journalismus zu unterscheiden. Positiver Journalismus legt den Schwerpunkt auf inspirierende Geschichten, um Hoffnung und Optimismus zu verbreiten. Ziel ist es, die Leser:innen aufzuheitern und ein Gegengewicht zu negativen Schlagzeilen zu schaffen. Der positive Journalismus wählt bewusst Themen aus, die Mut machen und inspirieren.

Ein Beispiel dafür ist die Marke Good News. Die Redaktion hinter Portal und App sammelt werktäglich positive Nachrichten aus dem deutschsprachigen Raum. Das Team verweist auf Berichte über Fortschritte in Bereichen wie Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, Gesundheit und Innovation. Redaktionsleiterin Bianca Kriel sieht Good News als Ergänzung zum bestehenden Nachrichten-Angebot. Für Menschen, die sich der Nachrichtenlage nicht komplett entziehen wollen, kann das Portal sogar eine Ausweichmöglichkeit sein. „Wir sehen eine Korrelation zwischen den Krisen dieser Welt und unseren Nutzerzahlen“, so Bianca Kriel.

News-Auswahl

Einige Redaktionen experimentieren mit Angeboten an positiven oder konstruktiven Nachrichten. Sie bündeln aus ihrem gesamten Content Inhalte-Fundus die ermutigenden Stücke und verschicken sie beispielsweise als Newsletter oder haben eigene Rubriken auf ihren Websites. Der Spiegel oder die Zeit arbeiten mit Newslettern und bieten das beispielsweise an. Das ZDF bündelt unter „Das Gute zum Wochenende“ ermutigende Beiträge, genauso wie der „Happy News Podcast“ der BBC. Darin werden seit Juni 2023 einmal die Woche positive Nachrichten aus aller Welt zusammengestellt.

Was bedeutet das für Bayern?

Bayerische Medien reagieren auf den Trend der Nachrichtenvermeidung mit positivem oder konstruktivem Journalismus. Daneben versuchen sie, die Nachrichtenkompetenz zu stärken:

  • Die Süddeutsche Zeitung verschickt täglich eine positive Nachricht aus München per WhatsApp in Newsletter-Form unter dem Titel SZ Good News München.
  • In Nürnberg kümmern sich die Relevanzreporter um einen konstruktiven Blick auf die Stadt und die Gesellschaft. Sie bieten auf ihrer digitalen Plattform konstruktiven Journalismus für Mitglieder und erreichen Menschen live durch journalistische Veranstaltungen. 
  • Media for Peace (M4P) ist ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt des Media Labs Bayern und der Universität der Bundeswehr München. Das Ziel ist, einen innovativen, nachhaltigen und ethischen Journalismus voranzutreiben, um in Konfliktregionen wie Afghanistan und dem Libanon friedensfördernd zu wirken. M4P nutzt die Potenziale der Digitalisierung, um Konflikte journalistisch sensibel, deeskalierend und konstruktiv zu begleiten. Das Projekt basiert auf methodischer Forschung; dazu zählen Leitfadeninterviews zur Analyse der Medienlandschaft und Untersuchungen von Desinformation und Themenentwicklungen in sozialen Medien.
  • Medienkompetenz bauen Projekte wie der ARD Jugendmedientag auf, an dem sich auch der Bayerische Rundfunk beteiligt hat. Die jährlich stattfindende Veranstaltung will Jugendlichen Einblicke in die Medienwelt gewähren. Ziel ist es, jungen Menschen Medienkompetenz zu vermitteln und sie für den bewussten Umgang mit Nachrichten, sozialen Medien und digitalen Technologien zu sensibilisieren.
  • Auch das Projekt #UseTheNews baut Medienkompetenz auf. Dahinter steht die Nachrichtenagentur dpa zusammen mit Partnern aus Medien, Wissenschaft und Bildung. Es soll Jugendliche dazu befähigen, Nachrichten kritisch zu hinterfragen, Fake News zu erkennen und sich aktiv an gesellschaftlichen Diskursen zu beteiligen.

Quellen & nützliche Links