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Personal Journalism in Deutschland: Wie Newsfluencer:innen Chancen für Medienhäuser eröffnen

aktualisiert am 10. August 2026

Der junge Journalismus zeigt Gesicht. Newsfluencer wie Fabian Grischkat oder Chris Müller wollen mit ihren Videos eine junge Zielgruppe dazu bewegen, sich mit Themen auseinanderzusetzen. Sie verdeutlichen, wie Vertrauen, Reichweite und Nähe entstehen können, wenn Journalist:innen selbst zur Marke werden. Welche Chancen und Risiken birgt der Trend und wie können Medienhäuser davon profitieren?

Was ist Personal Journalism?

Personal Journalism beschreibt eine Form des Journalismus, bei der die Person hinter den Inhalten sichtbar im Mittelpunkt steht. Anders als bei klassischen Formaten, die stark marken- oder institutionsgetrieben sind, bauen Journalist:innen hier eine individuelle Beziehung zum Publikum auf.

Für die Inhalte bleiben journalistische Qualitätsstandards dabei zentral, die Aufbereitung der Informationen wird aber an die Plattformlogiken der sozialen Medien angepasst. Anstatt Nachrichten in Form von langen Texten zu produzieren, ist es für Instagram und Co. sinnvoll die Inhalte snackable“ zu gestalten, so Fabian Grischkat im Interview mit OMR. In den sozialen Medien muss die Aufmerksamkeit der Nutzer:innen in den ersten Sekunden gewonnen werden und der Fokus der Erzählweise konsequent auf den relevanten Fakten bleiben, alles, was nicht unbedingt gebraucht wird, wird am besten weggelassen. Das deckt sich auch mit den Erkenntnissen des ARD-Forschungsdienstes: Vor allem junge Menschen konsumieren Nachrichten zunehmend nicht mehr als zusammenhängende Informationseinheiten, sondern als einzelne, personalisierte Informationshäppchen. Entscheidend sind dabei ein schneller Zugang zu den Informationen, unkomplizierte Nutzbarkeit und eine verständliche Aufbereitung. Besonders Nachrichten in Videoform werden immer relevanter.

Personal Journalism knüpft genau an dieses veränderte Nutzungsverhalten an: Persönlichkeiten vermitteln journalistische Inhalte authentisch, nahbar und verständlich. Komplexe Themen werden über Storytelling, eine persönliche Ansprache und Themenauswahl sowie zielgruppengerechte Formate wie Reels oder TikToks greifbarer, ohne dabei auf journalistische Standards zu verzichten.

Klarer journalistischer Anspruch: Nachrichten für die Generation Social Media

Damit lässt sich Personal Journalism klar von klassischem Influencing abgrenzen: Im Mittelpunkt stehen klassische journalistische Prinzipien wie sorgfältige Recherche, transparente Quellenarbeit und Faktenprüfung. Die persönliche Perspektive ergänzt sie Berichterstattung, ersetzt sie jedoch nicht.

Die Hintergründe der Gesichter im Personal Journalism sind dabei sehr unterschiedlich: Manche stammen aus klassischen Redaktionen und nutzen Social Media als zusätzlichen Ausspielweg. Andere wiederum starten ganz unabhängig als Creators, die ihre Themen und ihr Publikum selbst aufbauen. Wieder andere sind eigentlich aus anderen Bereichen wie Entertainment oder Sport bekannt, und greifen aktuelle Ereignisse nur punktuell auf. Gemeinsam ist ihnen: Sie stellen sich selbst als Person in den Vordergrund.

Eine Ergänzung, kein Ersatz: Das sagen die aktuellen Zahlen

Aktuelle Daten des Digital News Report 2026 zeigen, dass Personal Journalism auch in der breiten Bevölkerung angekommen ist. 27 Prozent der Befragten geben an, dass sie Nachrichten von Newsfluencer:innen beziehen und fast die Hälfte nutzen Content Creators generell als Nachrichtenquelle. Besonders geschätzt werden dabei die verständliche und unterhaltsame Aufarbeitung und die leichte Zugänglichkeit der Inhalte. Gleichzeitig werden Newsfluencer:innen auch als weniger vertrauenswürdig und weniger unparteiisch als klassische Nachrichtenformate wahrgenommen, weswegen sie diese auch eher ergänzen als ersetzen. Lediglich drei Prozent der Befragten verlassen sich ausschließlich auf Content Creators als Nachrichtenquelle.

Wie junge Menschen Social Media zur Information nutzen, haben wir in einem weiteren Netzwerkwissen bereits ausführlich beleuchtet. Hier geht es direkt zum Artikel!

Politische Inhalte auf Social Media

Welchen Einfluss es hat, dass junge Menschen politischen Content vorrangig über soziale Medien konsumieren, hat die Bundestagswahl im vergangenen Jahr anschaulich gezeigt.

Engagement Rate auf TikTok bei der Bundestagswahl 2025. Alice Weidel und Heidi Reichinnek klar vorn, dicht gefolgt von Olaf Scholz.
Engagement Rate auf TikTok bei der Bundestagswahl 2025. Alice Weidel und Heidi Reichinnek klar vorn, dicht gefolgt von Olaf Scholz. Eigene Darstellung nach Polisphere.

Die Engagement Rate zeigt die Interaktion der User:innen mit den jeweiligen Profilen – besonders die AfD-Kandidatin Alice Weidel sowie Heidi Reichinnek von den Linken, aber auch Olaf Scholz (SPD) erreichten als Personen die höchsten Interaktionsraten. Die Zahlen spiegelten sich daraufhin deutlich in den Wahlergebnissen der Unter-25-Jährigen wider.

Stimmanteile der Unter-25-Jährigen bei der Bundestagswahl 2025. Linke und AfD mit mehr als 20 Prozent, gefolgt von der Union.
Stimmanteile der Unter-25-Jährigen bei der Bundestagswahl 2025. Linke und AfD mit mehr als 20 Prozent, gefolgt von der Union. Eigene Darstellung nach infratest dimap.

Der Einfluss sozialer Netzwerke auf junge Menschen ist bei politischen Themen unbestreitbar. Auch dieses Phänomen bestätigt Bitkom Research – fast die Hälfte der Befragten (43 Prozent) gab an, Social Media habe Einfluss auf ihre politische Meinung.

Personal Journalism will hier anknüpfen, indem relevante Themen nahbar, persönlich und zielgruppengerecht an die Follower:innen gebracht werden. Denn: Wer Vertrauen in Medien zurückgewinnen will, muss die Nöte und Wünsche der Menschen verstehen.

Personal Journalism – Der Trend aus den USA

Die Vorbilder liegen, wie so oft, in den USA. Journalist:innen wie Cleo Abram, Andrew Callaghan oder Johnny Harris prägen den Trend und bieten auch Newsfluencer:innen wie Chris Müller Inspiration in Bezug auf Themensetzung, Aufbereitung und Umsetzung. Ihnen gemeinsam ist ein Ansatz, der sich von klassischem Nachrichtenjournalismus unterscheidet: Statt das Wiederkäuen bekannter Schlagzeilen in den Vordergrund zu stellen, geht es um tiefgehende Recherche zu Nischenthemen, die durch eine persönliche Perspektive dennoch hohe Relevanz für die Zielgruppe entwickeln.

Studien zeigen allerdings auch: Viele Newsfluencer:innen in den USA haben keinen journalistischen Hintergrund. Eine Untersuchung des Pew Research Centers (2024) kommt zu dem Ergebnis, dass 77 Prozent der einflussreichsten Accounts keine journalistische Ausbildung oder redaktionelle Anbindung haben. Trotzdem gelten sie für einen erheblichen Teil der Bevölkerung als Nachrichtenquelle: Jede:r Fünfte in den USA gibt an, regelmäßig Informationen von Influencer:innen zu beziehen – bei den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 37 Prozent. In Deutschland kommt hinzu, dass die Berufsbezeichnung „Journalist:in“ nicht rechtlich geschützt ist und sich daher prinzipiell jede:r so nennen kann. Das macht deutlich, dass Personal Journalism zwar redaktionelle Elemente übernehmen kann, aber nicht zwangsläufig mit journalistischen Standards gleichzusetzen ist.

Neue Strukturen und globale Unterschiede

Der Digital News Report 2026 zeigt eine neue Entwicklung: Das Ökosystem rund um Newsfluencer:innen professionalisiert sich zunehmend was dazu führt, dass die Grenzen zwischen einzelnen Creators und Medienunternehmen immer stärker verschwimmen. Viele erfolgreiche Persönlichkeiten entwickeln sich von Einzelpersonen hin zu kleinen Medienmarken mit eigenen Teams, professionellen Produktionsstrukturen und journalistischen Abläufen. Gleichzeitig springen etablierte Medienhäuser auf den Trend auf und bauen gezielt eigene Gesichter auf, um ihre Inhalte auf Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube persönlicher und nahbarer zu vermitteln.

Im globalen Vergleich sind Newsfluencer:innen in Europa und vor allem auch in Deutschland aber noch bei weitem nicht so relevant wie beispielweise in Asien oder Amerika. Hier bleiben weiterhin etablierte Medienmarken die Hauptnachrichtenquelle und Personal Journalism ergänzt diese vor allem in den sozialen Medien.Gleichzeitig ist das Feld bislang stark männlich geprägt.

Best Cases: Vom unabhängigen Creator bis zum regionalen Medienhaus

Die zunehmende Professionalisierung von Personal Journalism zeigt sich auch in Deutschland. Immer mehr Creators und Journalist:innen betreiben auch hier Personal Journalism oder bezeichnen sich selbst als Newsfluencer:innen. Dabei reichen die Ansätze von unabhängigen, persönlichen Accounts bis hin zu klassischen Medienhäusern, die gezielt eigene Gesichter aufbauen. Sie kombinieren sorgfältige Recherche mit Storytelling, visuellen Formaten und narrativen Elementen, um komplexe Themen verständlich und nahbar zu machen. Wie vielseitig Personal Journalism umgesetzt wird und welche Entwicklungen den Trend in Deutschland prägen, zeigen einige Beispiele.

  • Fabian Grischkat: Das Paradebeispiel für den „klassischen Newsfluencer“. Er arbeitet unabhängig, erreicht junge Menschen über TikTok und Instagram mit klarer Haltung und niedrigschwelliger Aufbereitung. Besonders ist seine Fähigkeit, gesellschaftspolitische Themen mit Humor und Emotionalität zu verbinden.
  • Chris Müller: Er war bis 2024 bei funk, arbeitet inzwischen jedoch selbstständig und ist stark in der narrativen Aufbereitung komplexer Themen. Seine Inhalte zeigen, wie tiefgehende Recherche und visuelles Storytelling auch auf Social Media funktionieren.
  • Nina Poppel (nini_erklaert_politik): Als freie Journalistin und Politikwissenschaftlerin vermittelt sie auf TikTok und Instagram politische Grundbegriffe, aktuelle Debatten und Alltagszusammenhänge sachlich, humorvoll und mit Quellenangaben im Blick.
  • Daniel Bröckerhoff (doktordab): Er arbeitet als Journalist bei NDR Info und betreibt gleichzeitig privat seinen Instagram-Account „dokotordab“. Damit zeigt Daniel Bröckerhoff exemplarisch, wie sich journalistische Professionalität und persönliche Handschrift verbinden lassen: Er kombiniert politischen Journalismus mit ironischem Unterton in Form von „Politainment“. In kurzen Reels und Stories spricht er Themen an, die im klassischen Nachrichtengeschehen oft untergehen und präsentiert sie pointiert und auf Augenhöhe mit seinem Publikum. 

Das können Medienhäuser lernen

Die Studien beweisen: Soziale Netzwerke müssen in Bezug auf politische Information und Teilhabe ernst genommen werden. Personal Journalism kann ein Werkzeug dazu sein. Sein Potenzial entfaltet er insbesondere, wenn er authentische Persönlichkeiten mit journalistischen Qualitätsstandards verbindet. Ohne diese Grundlage droht er, in die Grauzone zwischen Information und Meinung abzurutschen.

Personal Journalism und seriöse Newsfluencer:innen zeichnen sich laut Chris Müller deshalb vor allem durch folgende Merkmale aus:

  • Produktionsqualität: Die Inhalte sind technisch und visuell auf einem hohen Niveau, denn Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube sind von professioneller Ästhetik geprägt.
  • Interviews: Persönliche Gespräche und Dialoge geben Tiefe und schaffen Mehrwert über reine Meinungsäußerungen hinaus – besonders entscheidend auch: Wer tritt als Interviewgast auf und welche Überzeugungen vertritt diese Person?
  • Werbung: Transparenz im Umgang mit Sponsoring und Kennzeichnungspflichten ist entscheidend, um Vertrauen nicht zu verspielen.
  • Haltung: Journalist:innen dürfen Haltung zeigen, müssen aber klar zwischen persönlicher Meinung und faktenbasierter Berichterstattung trennen.
  • Lebenslauf: Offenheit über den eigenen Hintergrund schafft Nachvollziehbarkeit und Authentizität.
  • Recherche: Solide Recherchearbeit bleibt das Fundament, auch wenn Formate kurz und schnell konsumierbar sind.
  • Quellenarbeit: Seriöse Quellen, deren Offenlegung und Verlinkung sind der zentrale Unterschied zu reinem Influencer-Content.

Wer als Newsfluencer:in tätig sein will, sollte dies auch als Kampagne betrachten. Wichtig dabei ist: Mit der Kampagne muss ein konkretes Ziel einhergehen und dieses muss messbar sein.

Fazit: Warum Gesichter Vertrauen schaffen und was das für Medien bedeutet

Personal Journalism ist mehr als ein kurzfristiger Social-Media-Hype, sondern markiert einen Paradigmenwechsel im Journalismus. Während Redakteur:innen immer seltener feste Fachgebiete haben, finden sich auf sozialen Plattformen für nahezu jedes noch so nischige Thema neue Expert:innen, die darüber berichten. Und diese Creators verstehen ihre Zielgruppe, kommunizieren offen und sind transparent im Umgang mit Fehlern und Kritik. Das markiert einen entscheidenden Wandel, wie auch Übermedien berichtet: Vertrauen entsteht weniger durch institutionelle Autorität, sondern durch persönliche Glaubwürdigkeit. Diese Art der Transparenz ist es, was junge Zielgruppen erwarten: Gesichter, Haltung und Nähe, ohne dabei auf journalistische Standards zu verzichten.

Für Medienhäuser bedeutet das: Mut zu neuen Formaten, Experimentierfreude und die Bereitschaft, Journalist:innen stärker als Persönlichkeiten sichtbar zu machen. Wer Authentizität, Storytelling und Qualität verbindet, kann so nachhaltig Reichweite und Vertrauen aufbauen – auch in einer Medienwelt, die sich zunehmend über Plattformlogiken definiert.

Autor:innen

Geschrieben von

Porträt von Giulia Neumeyer
Giulia Neumeyer
Kommunikation & Marketing @ MedienNetzwerk Bayern & KI-Kompetenzzentrum Medien | Journalistin

Seit 2025 arbeitet und schreibt Giulia Neumeyer beim MedienNetzwerk Bayern über die Themen, die die Medienbranche bewegen. Ihr Steckenpferd: Entwicklungen in Journalismus, künstlicher Intelligenz und sozialen Medien. Mit einem Blick für praktische Lösungen und dem Fokus auf dem Menschen, gibt die Journalistin Personen aus der Branche eine Stimme und übersetzt komplexe Hypes in echten Mehrwert für den Redaktionsalltag.