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Corona-Push für Datenjournalismus

Von Julia Hägele

Die Datenjournalist*innen der bayerischen Medienhäuser hatten seit Beginn der Corona-Pandemie viel zu tun. Die Menge an unterschiedlichen Kennwerten und Zahlen verlangt nach Visualisierung und Einordnung. Das pusht die Szene, die sich sowieso ständig weiterentwickelt.

Datenjournalismus erzählt Geschichten auf der Grundlage von Daten. Ein kleines Beispiel: Aus der Unfallstatistik der Polizei lässt sich erschließen, an welchen Stellen einer Stadt die meisten Unfälle passieren. Eine interaktive Karte kann die Unfall-Brennpunkte in verschiedenen Farben visualisieren. Und die journalistische Einordnung kann Fragen an die Verkehrspolitik stellen.

Ein großes Beispiel: Eine anonyme Quelle spielt einem Journalisten Datensätze mit etwa 11,5 Millionen Dokumenten zu, die auf Steuer- und Geldwäschedelikte und andere Straftaten hinweisen. Es formiert sich eine Kooperation von Medienhäusern weltweit, die die Daten auswertet und weiter recherchiert. Nach etwa einem Jahr präsentierten 109 Medien in 76 Ländern gleichzeitig Ergebnisse – die Panama Papers.

Den Daten auf der Spur: Niklas Molter von der AZ, Ulrike Köppen vom BR und Benedict Witzenberger von der SZ. Fotos v.l.n.r.: Privat / Lisa Hinder, BR / Stefanie Preuin.
Den Daten auf der Spur: Niklas Molter von der AZ, Ulrike Köppen vom BR und Benedict Witzenberger von der SZ. Fotos v.l.n.r.: Julian Häußler/ Lisa Hinder, BR / Stefanie Preuin.

Corona und Datenjournalismus

Seit die Corona-Pandemie den Alltag der Menschen bestimmt, geht es in den Nachrichten mehr als sonst um Zahlen und deren Einordnung. Fallzahlen, Neuinfektionen, exponentielles Wachstum und Inzidenzwert müssen erklärt und anschaulich gemacht werden. „Corona hat einerseits eine große Unsicherheit über das, was passiert, gebracht, aber andererseits gibt es einen guten Zugang zu den Daten“, sagt Benedict Witzenberger aus dem Daten-Team der Süddeutschen Zeitung (SZ). „Diese Mischung kommt Datenjournalisten gerade sehr zugute.“ Sowohl Kolleg*innen als auch Leser*innen schätzten die Expertise in der Visualisierung und Einordnung von Zahlen. Damit gewinnt der Datenjournalismus an Bedeutung – und das nicht nur in den großen Häusern.

„Die Artikel zu Corona-Werten auf unserer Startseite haben eine enorme Reichweite“, sagt Niklas Molter, stellvertretender Leiter Digitales bei der Augsburger Allgemeinen (AZ). „Die Bettenbelegung in der Region ist etwas, das die Leute direkt betrifft und deshalb auch interessiert“, sagt er. Deshalb habe es intern auch eine stärkere Schwerpunktsetzung auf das Thema gegeben. Eine Regionalzeitung wie die Augsburger Allgemeine habe zwar weniger Ressourcen als große Medienhäuser. „Wir sehen die SZ und den BR trotzdem nicht als Konkurrenz, denn unser Fokus liegt in der Region“, sagt Molter. Beispielsweise hat die Augsburger Allgemeine mit dem „you-draw-it“-Tool die Kommunalwahl datenjournalistisch begleitet. User*innen konnten zwölf Rubriken wie etwa Kriminalität, Kita-Plätze oder den Schuldenstand zeichnen und mit den korrekten Werten der letzten zehn Jahre vergleichen.

Die Augsburger Allgemeine hat die Augsburger Bürgermeisterwahl datenjournalistisch begleitet.
Screenshot: Die Augsburger Allgemeine hat die Augsburger Bürgermeisterwahl datenjournalistisch begleitet.

Hybride Workflows: Automatisierung trifft Verantwortung

Ulrike Köppen verantwortet das AI (Artificial Intelligence) + Automation Lab im Bayerischen Rundfunk (BR) und co-leitet BR Data. Auch ihr Team hat viele Anfragen aus den unterschiedlichen Redaktionen des BR zum Thema Corona bekommen. „Wir haben uns daher entschlossen, einen Teil des Workflows zu automatisieren“, sagt sie. Ihr Team hat eine Website erstellt, die sich mehrmals am Tag mit den Daten des Robert-Koch-Instituts automatisch aktualisiert. „Das ist ein sinnvolles Produkt, das sowohl für Redaktionen als auch für User wichtig ist.“ Die Seite mit den aktuellen Corona-Zahlen fließt in den BR24-Newsletter mit ein und versorgt Redaktionen und User*innen gleichermaßen mit den aktuellen Zahlen.

Die aktuellen Corona-Daten fließen in den BR24-Newsletter ein.
Screenshot: Die aktuellen Corona-Daten fließen in den BR24-Newsletter ein.

Doch Journalist*innen sind nicht nur uneingeschränkt glücklich über diese neue Art der automatisierten Informationsvermittlung. Beim Stichwort Automation sehen viele schon die Kündigungsschreiben hereinflattern. Aber ist die Weiterentwicklung von Technik tatsächlich eine Gefahr für Arbeitsplätze? „Diese Bedenken nehmen wir ernst und wir nehmen uns Zeit, Fragen dazu zu beantworten ­– wir setzen uns für einen verantwortlichen Gebrauch von AI und Automatisierung im BR ein“, sagt Köppen.

Dazu gehörten AI-Ethik-Richtlinien genauso wie der Anspruch, hybride Workflows zu entwickeln – was bedeutet, dass Journalist*innen von Algorithmen unterstützt werden. „Wir wollen also den Kolleginnen und Kollegen bei ihrer Arbeit helfen.“ Gemeinsam mit Redaktionen werde überlegt, wo Automation Sinn mache und wo nicht. Die BR-Sportredaktion testet beispielsweise eine automatisierte Basketball-Berichterstattung. Und wer keine Ergebnisse mehr tippen muss, hat mehr Zeit für journalistische Tätigkeiten, die keine KI ersetzen kann: ein Nachruf für Diego Maradona etwa.

Daten sind nicht neutral

Zudem erzählen die Daten selbst längst noch keine Geschichten. „Datensätze sind keine anderen Quellen als Menschen“, sagt Witzenberger. Den Aussagen von Menschen vertraue man auch nicht uneingeschränkt, ohne sie zu hinterfragen. Dasselbe müsse man mit Daten machen: Wer hat die Daten zu welchem Zweck erstellt?

Es ist eine zutiefst journalistische Aufgabe, in Daten Geschichten zu erkennen und sie zu personalisieren – also an einem Beispiel anschaulich zu machen – einzuordnen und originelle Zugänge zu finden. „Wir sind thematisch nicht eingeschränkt, als Team könnten wir drei Mal so groß sein und hätten immer noch viel zu tun“, sagt Witzenberger und auch Köppen sieht Potenzial in diesem Bereich.  „Von Einsparung kann man nicht sprechen, hier wird vielmehr in neue Bereiche investiert“, sagt sie. Und jeder und jede, die ein Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen Zeitung mache, käme verpflichtend mit Datenjournalismus in Berührung, sagt Molter. „Auch die 16 Lokalredaktionen der AAZ haben ein Basiswissen im Datenjournalismus“, fügt er hinzu.   

In diesem Punkt sind sich alle einig: Durch die Corona-Pandemie hat der Datenjournalismus an Strahlkraft gewonnen. Alle hoffen, dass die Strahlkraft bleibt, wenn die Pandemie überstanden ist, so dass weiter ein verantwortlicher Umgang mit Datensätzen und Algorithmen entwickelt werden kann.

Fragt man die Expertin und Experten nach den großen Themen für 2021, bekommt man dieselben Antworten: Corona und die Bundestagswahl. Der Rest ist noch geheim.

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