Radiodays Europe 2026: Echte Verbindung in einer aufgewühlten Welt
von Lukas Schöne, 26. März 2026
1400 Audiomenschen aus 54 Ländern stellten sich bei den Radiodays Europe in Riga die gleiche Frage: Welche Relevanz hat das Hörbare in einer KI-generierten, algorithmusgesteuerten, von Plattformen bestimmten und krisengeschüttelten Welt? Die Antwort klingt einfach und ist doch nicht immer leicht greifbar: Die Relevanz liegt in den Menschen.
Manchmal erlangt man Erkenntnis, wenn man sich mit der Länge des Anus eines Blauwals beschäftigt. Zumindest ging das in Riga denjenigen so, die Juska Wendland aus Finnland zuhörten. Er ist Radiomoderator bei „YleX“ und Co-Host des Videopodcasts „Weird Nature“. Das Format behandelt ausschließlich Fragen und Vorschläge aus der Community. „Wenn es keine gegeben hätte, gäbe es das Format nicht“, so Wendland. Doch die Leute lieferten und fragten unter anderem nach dem Hinterteil eines Blauwals.
Ein Naturpodcast für eine junge Zielgruppe: Was im ersten Moment nicht unbedingt nach einem Erfolgsformat klingt, ist in Finnland eines geworden: 18.000 Follower in sechs Monaten und insgesamt 7,2 Millionen Views nach 15 Folgen.
Wir machen die Community zum Star und zeigen ihr, dass sie schlauer ist als wir Hosts.
Juska Wendland, Finnish Broadcasting Company (Yle)
So einfach scheint die Erfolgsformel zu sein. Sie basiert auf der Forschung von Wendland, der sich in seiner Doktorarbeit mit der Frage beschäftigt, wie Audioformate Communities formen können: Es braucht authentische Hosts, einen Fokus auf Interaktion und parasozialen Beziehungen und ernst gemeinte Beteiligung. Sich als Teil einer Gruppe fühlen, Teil eines größeren Ganzen sein: Das ist es, was Audio leisten kann und das wurde bei den Radiodays 2026 diskutiert. Fünf Beobachtungen aus Riga.
1. Mensch verbindet Mensch verbindet Mensch
Eine Cornish Pasty reist quer durch Großbritannien, von London nach Aberdeen, und alle machen mit. Das war zwar schon 2018, zeigt aber, welche Kraft Radio entfalten kann.
Ex-Fußballer Michael Owen hatte Radio 1 der BBC ein Interview gegeben und erzählt, dass er noch nie eine Tasse Tee getrunken habe. Daraus machte Radio 1 eine „Ich habe noch nie“-Aktion für die Community. Und Sarah aus Aberdeen hatte noch nie ein Cornish Pasty gegessen. So schickte Radio 1 eines auf die Reise und gab den Hörer:innen den Auftrag, es aus London in den Norden Schottlands zu bringen. Und die übergaben das Pasty wie beim olympischen Fackellauf von einer Hand in die andere. Die Aktion kreierte landesweite Aufmerksamkeit. Radio 1 schaffte so eine Verbindung zwischen Marke und Publikum, aber auch zwischen den Menschen.
Dass gerade Audio darin gut ist, zeigten viele weitere Beispiele bei den Radiodays. Und mit treuen Communities kommt auch das Geld. Denn immer mehr Menschen sind bereit, für Lieblingsformate- und Hosts zu bezahlen.
2. KI-Pragmatismus statt Hype oder Angst
Sind künstliche Stimmen jetzt die Rettung oder der Tod der Branche? Die Frage ist wichtig, spielte aber in Riga nur eine untergeordnete Rolle. Cilla Benkö, CEO, verkündete, dass das Schwedische Radio (SR) bisher komplett auf ihren Einsatz verzichtet.
Daneben war ein neuer Pragmatismus im Umgang mit KI zu spüren. Es gilt, KI für den „heavy stuff“ zu nutzen, damit mehr Zeit für das Wesentliche bleibt. Unter anderem plädierte Benjamin Hartwich, Head of Digital & Data bei Life Radio, dafür, sie klug in den Workflows einzusetzen und dafür zu nutzen, ein besseres Verständnis vom Publikum aufzubauen.
3. Kontext über Content
Der Kampf um die Aufmerksamkeit war auch in Riga omnipräsent. Wo steht Audio dabei?
Die Antwort: Die Position ist eigentlich ganz gut. Denn Audio ist nicht nur ein weiteres Format, ein weiterer Kanal. Audio ist Kontext und kann der Alltagsbegleiter sein in all den Situationen, in denen das Leben passiert, abseits vom Big Screen oder dem Smartphone-Display.
Dafür gilt es die Daten zu erheben und zu verstehen, die uns zeigen, wie und wo Menschen Audio nutzen. Aber Daten sind nicht alles. Oft geht es auch um den Vibe, das Überraschende und den Rock`n`Roll. Neben der Zukunft auf den großen, videogetriebenen Plattformen wird es auch eine „Eyes up“-Zukunft geben, wie es Archana Kapoor formulierte, eine führende Radiostimme aus Indien. Und für sie liegt genau da die Chance für Audio.
4. Audio für Kinder prägt die Gesellschaft
Welche Angebote brauchen wir für die jüngste Zielgruppe? Diese Frage bekam in Riga viel Raum und bettete sich ein in die Diskussionen um ein Social Media Verbot für Kinder. Denn kindgerechten Content in sicheren digitalen Umfeldern zu schaffen, das ist nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern auch eine gesellschafts- und kulturprägende Aufgabe.
Während zu viel Screen Time schadet, kann Audio Kinder unterhalten und bilden. Und während Social Media Plattformen unreguliert Inhalte ausspielen, können eigene Plattformen für mehr Kontrolle und Kuration sorgen. Hörgewohnheiten bilden sich sehr früh. Es gilt also, eine neue Generation von aufgeklärten Audiofans heranzuziehen.
5. Radio ist Infrastruktur und kollektives Gedächtnis
Radio bleibt der Anker in einer krisengeschüttelten Welt. Das Vertrauen in das Medium bleibt flächendeckend hoch. Bei Naturkatastrophen, Stromausfällen oder im Kriegsfall schalten Menschen das Radio ein, um gesicherte Informationen zu erhalten. Das zeigt, dass Radio viel mehr ist als Musikabspielstation oder Unterhaltungsmedium. Es ist Infrastruktur.
Das bedeutet: Wir müssen Technik robust aufstellen und journalistische Standards sichern und angesichts der KI weiterentwickeln. Und neben all dem, sagt Archana Kapoor, ist Radio auch ein kollektives Weltgedächtnis.
Reden von Martin Luther King oder Mahatma Gandhi, große Musikmomente und politische Umstürze – all das ist Radio. Diesen Schatz müssen wir nutzen.
Archana Kapoor, Director & Founder, SMART and The Radio Festival
Eventtipp: Audiowerkstatt
Es gibt nichts schönzureden: Die Radiobranche steht unter enormem Druck, besonders wirtschaftlich. Wir brauchen neue Strategien, Kooperationen und Ideen.
Genau an diesem Punkt setzen wir mit unserer Audiowerkstatt am 21. Mai 2026 an. Dort begegnen wir der wirtschaftlichen Drucksituation der bayerischen Audiobranche konstruktiv und diskutieren Lösungsansätze. Dazu bringen wir die Entscheidungsebene mit denjenigen zusammen, die die Sender täglich am Mikrofon, am Mischpult oder im Kundenkontakt tragen.






