„Die beste Performance entsteht, wenn Mensch und KI zusammen ins Rennen gehen.“

von Giulia Neumeyer, 31. März 2026

Wenn Algorithmen auf Knopfdruck hyperrealistische Videos generieren, droht das Netz zunehmend in austauschbarem Content zu ertrinken. Für den Technik-Philosophen und Ontoworks-Gründer Seán McFadden steht fest: Die Maschine versteht weder Schmerz noch Freude, sondern benötigt menschliches Talent. Vor seiner Session bei unserem KI-Camp haben wir mit ihm darüber gesprochen, wie wir der Gefahr eines „toten Internets“ begegnen und warum die beste Performance erst in der echten Kollaboration zwischen Creator und Technologie entsteht.

Seán, du bist Startup-Gründer im KI-Video-Bereich und bezeichnest dich gleichzeitig als Technik-Philosoph. Für alle, die das zum ersten Mal hören: Was genau macht ein Technik-Philosoph eigentlich?

Seán McFadden: Ich beschäftige mich viel mit Technikphilosophie und schreibe darüber. Es geht bei der Technikphilosophie darum, festzustellen, dass wir in einer ganz besonderen Zeit leben. Wir leben in einer Zeit, in der Technologie an sich als etwas Eigenständiges empfunden wird. Da gibt es das Stichwort Autonomous Technology: Die Technik hat eine Art Eigendynamik, die uns dazu verleitet, sie als etwas Eigenes wahrzunehmen. Das war in der Vergangenheit nicht so sehr der Fall. Man hat früher über Werkzeuge oder verschiedenste technologische Artefakte gesprochen. Aber es ist eine sehr neue Entwicklung, dass man von der Technik als solcher spricht. 

Mit Blick auf die Technik kann man die Geschichte der Philosophie und auch unsere Gesellschaft noch einmal neu interpretieren. Daher entsteht Technikphilosophie als etwas Hochaktuelles, das uns in die Lage versetzt, unsere Situation und unsere Rolle als Menschen noch einmal zu reflektieren.

Zwischen Tech-Kritik und Startup-Alltag

Du hast 2024 ein Buch über Technologie geschrieben, in dem du die Narrative über Wissenschaft und Technik kritisch hinterfragst. Gleichzeitig hast du mit Ontoworks selbst ein KI-Startup aufgebaut. Wie passt das zusammen?

McFadden: Das ist natürlich eine gute Frage. Mein Buch ‚The Machine‘, das ich auf Englisch geschrieben habe, ist in vielerlei Hinsicht technikkritisch und hinterfragt unser technologisches Paradigma. Grundsätzlich geht es darum, wie verschiedenste Bereiche – unsere Wissenschaften, unsere politischen Ideologien sowie unser Verständnis von der Natur – zunehmend technisiert werden. Wir arbeiten und rechnen immer mehr mit technologischen Konfigurationen. Das verleitet uns dazu, die Menschen und die Natur als reine Datenreserve für die technische Verarbeitung zu betrachten. Das ist mittlerweile so allgegenwärtig, dass es fast unmöglich erscheint, in anderen Begriffen zu denken. 

Aber wenn man sich mit dem Blick der Technikphilosophie die Geschichte der wissenschaftlichen Revolution anschaut, gab es durchaus andere Ansätze. 

Allein die Tatsache, dass man die Technik als solche jetzt überhaupt kritisch wahrnimmt, ist schon ein Blick hinter den Horizont.

Und ja, ich kann das gut mit meiner Arbeit vereinbaren. Ich versuche, das mit meinem Tech-Startup zu verknüpfen, indem ich nebenbei immer noch schreibe, mich kritisch damit auseinandersetze und unsere Arbeit in diesen historischen Kontext setze.

Wenn man heute in unserer Gesellschaft sozial oder wirtschaftlich aufsteigen möchte, ist die Digitalisierung einer der prominentesten Wege. Zugleich bewegt sich diese Digitalisierung auf einen Scheideweg zu. Wir alle haben ein Bauchgefühl dazu, aber keiner weiß so richtig, was das für uns bedeuten wird. Deshalb ist es wichtig zu schauen: Was kommt nach der Technik?

Der Mythos der künstlichen Intelligenz

Ein sehr spannender Gedanke. Was ich auch sehr interessant fand, war, dass du zwischen künstlicher Intelligenz und künstlicher Kommunikation unterscheidest. Wenn wir heute LLMs oder KI-Videogeneratoren nutzen, fühlt sich das oft so an, als würden wir mit einer echten Intelligenz interagieren. Wir nennen es ja auch „künstliche Intelligenz“. Warum ist es so wichtig, dass wir da unterscheiden und uns nicht täuschen lassen?

McFadden: In vielerlei Hinsicht ist das Wort „Artificial Intelligence“ fast schon wie ein Marketing-Buzzword genutzt worden. Im Grunde genommen sprechen wir auf der technischen Seite von computergestützter Statistik. Neuronale Netze gab es schon in den Achtzigern, unsere Maschinen waren lediglich nicht mächtig genug, sie mit der Effektivität zu betreiben, die wir jetzt haben. Da wird viel mit Ängsten, aber auch mit Utopien gespielt. 

Es gibt eine schräge Dynamik: Die Warnung davor, dass KI uns alle übernehmen und kontrollieren wird, wird fast schon genutzt, um mehr Geld und Fundraising einzusammeln. Selbst die Angstvorstellungen werben mit dieser Metapher der künstlichen Intelligenz. Mit der Idee, dass wir uns einen künstlichen Menschen mit überlegener Intelligenz schaffen. 

Da spielen mythologische Aspekte eine Rolle – die Erschaffung eines künstlichen Gottes, oder auch der Golem aus der Mythologie, bei dem der Mensch einen Lehmmenschen erschafft, der immer größer wird und am Ende auf seinen Schöpfer fällt. Wir haben es also mit einer Metapher zu tun, die den Blick verstellt und es schwieriger macht, zu verstehen, womit man es eigentlich zu tun hat. 

Wenn ich sage, dass es computergestützte Statistik ist, soll das nicht kleinreden, was die Technologie alles kann. Es soll nur ein realistischeres Bild liefern. Das Gleiche gilt für die „künstliche Kommunikation“. 

Es geht dabei darum, dass man Kommunikation als Aspekt sozialer Systeme in der KI widergespiegelt bekommt. Man kriegt eine künstliche Rekonfigurierung unserer Kommunikation.

Mittlerweile würde ich allerdings sagen, dass das fast etwas zu kurz greift, da KI heute in vielen Bereichen genutzt wird, die nicht unbedingt nur mit Kommunikation zu tun haben.

Der Wert von menschlichem Content

Ich finde gerade diese mythologische Metapher sehr interessant. Du beschreibst das Ganze in deinem Buch auch als „mechanisches Biest“. Und jetzt generiert KI hyperrealistische Videos von Menschen, die Emotionen zeigen, obwohl sie gar nicht weiß, was Schmerz oder Freude ist. Verändert diese bedeutungslose Perfektion unseren menschlichen Bezug zu Filmen? Und wie geht ihr bei Ontoworks damit um, dass Videos ihren menschlichen Kern behalten?

McFadden: Bei uns geht es in erster Linie darum, Boutique-Content – also Inhalte, die größtenteils von Menschen per Hand produziert wurden – effektiver in der Postproduktion weiterzuverarbeiten. In der Hinsicht könnte man fast sagen, dass das mit rein generiertem Content nicht direkt zu tun hat. Es soll dem Menschen vielmehr verhelfen, mit KI-generiertem Content zu konkurrieren.

Wir sehen aktuell eine Flut von sogenanntem Slop online. Das befeuert die frühen Internettheorien über das „tote Internet“ – die Dead Internet Theory, die besagt, dass es eigentlich kaum noch Menschen gibt, die etwas erstellen, und das Internet nur noch ein rekursives Herauspumpen von Fake-Content ist. Dementsprechend gerät der künstlerische Wert in den Hintergrund. 

Man merkt ganz schnell: Wenn der Mensch, der die KI bedient, selbst kein künstlerisches Talent aufweist, bietet der Output, vor allem wenn er komplett automatisiert ist, so gut wie keinen Mehrwert.

Das ist das grundlegende Problem, wenn man die Metapher der künstlichen Intelligenz zu ernst nimmt. Der Maschine fehlt es immer noch an dieser Rekursivität, an dieser Selbst-Voranbringung, zu der kognitive oder biologische Systeme in der Lage sind. Was ich damit meine: Man hat immer noch eine Maschine, die streng kausal arbeitet. Sie ist mittlerweile so komplex, dass man die Kausalität als einzelner Mensch vielleicht nicht mehr ganz nachvollziehen kann, aber sie hat klar ablaufende Regeln. Man kann sie in ihre Einzelteile zerlegen, was bei einem selbstbezogenen Bewusstsein nicht möglich ist. Gleichzeitig findet aber eine Annäherung statt. Wir verweben uns immer mehr mit modernen Technologien.

Es stellt sich wirklich die Frage, ob Technologie ein neues Paradigma darstellt – als historische Entwicklung eines neuen, sich selbst entwickelnden Systems, ähnlich wie das Leben selbst.

Es ist absehbar, dass wir in den nächsten Jahren immer mehr von KI-generierten Welten umgeben sein werden. Was macht das ganz generell mit unserer Wahrnehmung von Realität und unserer eigenen Identifikation damit?

McFadden: Ich denke, da kommt eine sehr große Gefahr auf uns zu. Wir haben jetzt schon viele Menschen, deren Hauptgesprächspartner oder sogar romantische Partner KIs sind. Dadurch nehmen wir eine Verzerrung wahr. 

Die KI kommuniziert nicht aus denselben sozialen und kognitiven Verflechtungen und Motivationen heraus wie wir, sondern hat eine ganz eigene Logik.

Kein Mensch hat eine Sprache gelernt, indem er als Kind 100 Billionen Seiten Text auswendig gelernt hat. Und bei niemandem wurde der Sinn des Selbst dadurch bestimmt, dass hunderte Milliarden in Datenzentren investiert wurden. Die KI lebt auf Strukturen, die grundverschieden von unseren sind, die uns aber vorgaukeln können, uns zu ähneln und menschlich zu sein. Es findet hier schleichend eine Technisierung des Menschen statt, die man oft nicht direkt bemerkt und deren Konsequenzen man vielleicht erst zu spät realisiert. Das war jetzt vielleicht sehr negativ.

Wie Creators zu Schachmeistern der Technik werden

Dann lass uns zum Abschluss nochmal etwas positiver und praxisbezogener auf die kommende Veranstaltung schauen. Bei unserem KI-Camp werden Leute sein, die sich ganz konkret dafür interessieren, was man mit künstlicher Intelligenz machen kann. Wie können Creators – also Einzelpersonen oder auch Medienhäuser – KI nutzen, ohne dass ihre eigene Arbeit komplett austauschbar oder künstlich wird?

McFadden: Ich würde alle im kreativen Bereich anspornen, enger mit der Technik zusammenzuarbeiten. Daran führt kein Weg vorbei. Was früher Experten und Nerds per Hand am Computer programmieren mussten, wird jetzt immer mehr durch wohlüberlegte Prompts und Vorgaben in natürlicher Sprache bestimmt. Die „schwammigeren“ Ausdrücke der Kunst spielen dabei eine immer größere Rolle. 

Wenn wenig Kommunikation zwischen dem kreativen Bereich und der Technik stattfindet, wird es Tools geben, die die Arbeit per Knopfdruck automatisieren sollen, mit denen die Kunstschaffenden dann aber nicht glücklich sind. Sie machen es dann rückgängig, erledigen es doch per Hand und nehmen den Mehrwert gar nicht richtig mit. Das ist nicht bei allen Tools der Fall, aber es braucht Zeit. 

Man muss aufeinander hinarbeiten und Tools entwickeln, die so elegant designt sind, dass man sich nicht in die Quere kommt. Es muss sich wie ein echter Mehrwert anfühlen.

Man hat das auch beim Schach gesehen: Obwohl eine KI damals den Schachmeister besiegt hat, hat man gemerkt, dass die beste Performance entsteht, wenn ein Schachmeister mit einer KI zusammen ins Rennen geht und man lernt, zu kollaborieren.

Genau das wollen wir bei Ontoworks mit unserem Produkt Ontovision auch erreichen. Wir haben unsere Prototypen in enger Zusammenarbeit mit Produktionsfirmen entwickelt und arbeiten dort kleinschrittig immer wieder mit dem Feedback der Nutzer.

Seán McFadden beim KI-Camp Vol. 3

Am 24. April 2026 geht unser KI-Camp in die dritte Runde!

Auch Seán McFadden wird mit Ontoworks dabei sein und mehr zu KI in der Videoproduktion erzählen.

Das KI-Camp vereint vorkuratierte Sessions mit dem offenen Barcamp-Prinzip: Alle können eigene Use Cases, Methoden oder Tools vorstellen und sich mit Gleichgesinnten dazu austauschen.

Hier findest du mehr Infos und die Anmeldung!