„Pressefreiheit endet nicht am Rand der Demo.“

Von Giulia Neumeyer, 10. Februar 2026; aktualisiert am 27. Februar 2026

Macht man sich mit der Polizei gemein, wenn man den Dialog sucht? „Im Gegenteil“, sagt Andrea Roth vom Bayerischen Journalisten-Verband (BJV). Wer miteinander spricht, verrät nicht seine Unabhängigkeit, sondern schafft erst die Sicherheit für kritische Berichterstattung. Ein Gespräch über den Round Table, warum ein Presseausweis auf aufgeheizten Demos oft nicht mehr reicht und wie Missverständnisse zwischen Polizei und Medien ausgeräumt werden.

Sicherheit durch Dialog: Das ist das Ziel der Round Tables zur Sicherheit von Journalist:innen auf Veranstaltungen und Demonstrationen, die das MedienNetzwerk Bayern gemeinsam mit dem Bayerischen Journalisten-Verband und unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration sowie der Bayerischen Staatskanzlei initiiert hat. Andrea Roth, stellvertretende Vorsitzende des BJV, erklärt im Interview, warum diese Treffen gerade jetzt unverzichtbar sind und was sich seit dem Start verändert hat.

Verhärtete Fronten und unklare Rollen

Weltweit und auch in Deutschland hat sich die Lage der Pressefreiheit in den letzten Jahren stark verschlechtert. Du bist als stellvertretende Vorsitzende des BJV nah dran an den Kolleg:innen: Wie hat sich das Klima auf bayerischen Demonstrationen in den letzten zwei Jahren konkret verändert?

Andrea Roth: Wir beobachten eine deutliche Verrohung des Tons gegenüber Medienschaffenden. Journalistinnen und Journalisten werden schneller angefeindet oder gezielt aus dem Geschehen gedrängt. Manchmal werden sie, wenn verschiedene Aktivisten aufeinandertreffen – zum Beispiel auf Pro-Palästina-Demos – schnell einer Seite zugeordnet und von der Polizei wie Aktivisten behandelt. Gleichzeitig ist die Einsatzlage für alle unübersichtlicher geworden, was die Arbeit auf Demos spürbar riskanter macht. Es kommt auch vor, dass freie Journalisten aktivistische Interessen verfolgen. Ihre Rolle verschwimmt dann, weil sie gar nicht mit dem Anspruch antreten, objektiv im Sinne des Pressekodex zu berichten.

Und wo liegen die größten Missverständnisse im Eifer des Gefechts?

Roth: Das zentrale Missverständnis ist die Rollenverteilung. Journalistinnen und Journalisten sind weder Teil der Demo noch der polizeilichen Einsatzlogik, sondern unabhängige Beobachterinnen und Beobachter. In dynamischen Situationen wird das auf beiden Seiten manchmal ausgeblendet. Hinzu kommt Zeitdruck: Entscheidungen werden in Sekunden getroffen, Kommunikation bleibt auf der Strecke – und genau dort entstehen Konflikte.

Warum der Presseausweis allein oft nicht mehr reicht

Der Begriff „Journalist“ ist nicht geschützt und auf Demos mischen sich, wie du bereits erwähnt hast, professionelle Berichterstatter:innen mit Aktivist:innen, die zum Beispiel streamen. Das zu unterscheiden ist in der akuten Situation oft schwierig. Was kann ein Format wie der Round Table hier leisten, was das bloße Vorzeigen eines Presseausweises im Einsatz nicht schafft? 

Roth: Ein Presseausweis klärt eine formale Frage, aber kein Rollenverständnis. Der Round Table schafft etwas anderes: Ein Verständnis für die Herausforderungen und Probleme der anderen Seite, gerade in Stresssituationen wie Demonstrationen und Veranstaltungen, bei denen ja Einsatzkräfte und Journalistinnen und Journalisten sehr schnell handeln müssen, also wenig oder gar nicht kommunizieren können.

Bei den Round Tables bisher wurde sogar noch mehr erreicht als ein besseres Verständnis füreinander: Es sind dabei neue Ideen entstanden, wie im Vorfeld besser miteinander gearbeitet werden kann.

Andrea Roth, Bayerischer Journalisten-Verband

Zum Beispiel, indem sich Journalistinnen und Journalisten vorher bei der Polizei akkreditieren oder schon vor Demonstrationen oder Veranstaltungen gemeinsame Vorbereitungstreffen mit der Polizei stattfinden. Im Sinne eines Risk Managements kann man den Ort eventuell sogar vorab begehen, um Gefahrenzonen zu besprechen.

Der Round Table ging am 26. Februar in Nürnberg bereits in die fünfte Runde. Was hat sich seit dem ersten Treffen hinter den Kulissen spürbar verbessert?

Roth: Probleme werden nicht mehr nur benannt, sondern systematisch aufgearbeitet. Es gibt klarere Ansprechpartner, ein besseres Bewusstsein für die Bedürfnisse der Journalistinnen und Journalisten, was eine möglichst gute und ungehinderte Berichterstattung betrifft und ein Bewusstsein für die primäre Aufgabe der Einsatzkräfte, die Demonstration ohne Störungen ablaufen zu lassen.

Manche Kolleg:innen fragen sich dennoch, ob der Dialog im geschützten Raum tatsächlich Auswirkungen auf das Verhalten der Einsatzkräfte im Ernstfall hat. Wie stellen wir sicher, dass die Ergebnisse des Round Tables nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auf der Straße ankommen?

Roth: Indem wir den Dialog nicht als einmaliges Gespräch verstehen, sondern als Prozess. Ergebnisse müssen dokumentiert und veröffentlicht, in Aus- und Fortbildungen eingespeist und regelmäßig überprüft werden. Und wir Journalistinnen und Journalisten können Rückmeldung geben, wenn sich etwas verbessert.

Was Journalist:innen jetzt brauchen: Rollenklarheit und Schutz

Was sagst du Kolleg:innen, die sich mit dieser Art des Austausches zwischen Journalismus und Polizei schwertun, weil sie möglicherweise negative Konsequenzen fürchten und ihre Unabhängigkeit in der Berichterstattung gefährdet sehen?

Roth: Unabhängigkeit bedeutet ja nicht Abschottung und das Pflegen von Vorurteilen, sondern Rollenklarheit. Wer miteinander spricht, macht sich nicht gemein – im Gegenteil: Er oder sie schafft die Voraussetzungen, kritisch und sicher berichten zu können. Der BJV steht dabei klar auf der Seite der journalistischen Freiheit.

Round Tables in München und Nürnberg

Im September 2025 und im Februar 2026 haben sich Polizei und Medienschaffende wieder gemeinsam an einen Tisch gesetzt, um das gegenseitige Verständnis zu fördern. Im direkten Gespräch wurden Situationen geschildert, die in der Praxis zu Missverständnissen und Spannungen führen, und anschließend gemeinsam Lösungsideen erarbeitet. Den ausführlichen Nachbericht kannst du hier lesen.

Zum Abschluss der Blick nach vorne: Was brauchen Journalist:innen heute psychisch und strukturell, um ihren Job draußen noch machen zu können?

Roth: Psychisch braucht es Anerkennung für die Belastung, die dieser Job mit sich bringt, und niedrigschwellige Unterstützungsangebote. Wir brauchen auch mehr Angebote für Resilienz. Strukturell sind klare Schutzkonzepte nötig, wie wir sie zum Beispiel bei der Initiative „Konsequent gegen Hass“ bereits haben, aber auch mehr Schutz durch Medienhäuser, der bisher noch ungenügend ist. Im Deutschen Journalistenverband wurde ein Schutzkodex erstellt, dem bisher nicht ausreichend Medienhäuser beigetreten sind.

Wir brauchen dringend Rückhalt durch Redaktionen und Medienhäuser – und die Gewissheit, dass Übergriffe nicht folgenlos bleiben. Pressefreiheit endet nicht am Rand der Demo, sondern muss nachhaltig sichergestellt werden.

Andrea Roth, Bayerischer Journalisten-Verband

Dialog statt Konfrontation: Der Round Table

Warum lohnt es sich, bei den Round Tables dabei zu sein und mitzureden?

Roth: Weil wir hier weiter gemeinsam daran arbeiten, wie Berichterstattung auf Demonstrationen oder Veranstaltungen beziehungsweise in Krisensituationen reibungslos stattfinden kann. Der Schlüssel liegt in der gemeinsamen Vorbereitung: Wenn Polizei und Medien vorab über mögliche Gefahren sprechen, wissen Journalisten besser, wo sie sich sicher platzieren, wie sie besser berichten können und wie sie die Polizei vor Ort als Unterstützung gewinnen.

Wer mitredet, gestaltet mit – und stärkt damit nicht nur die eigene Arbeit, sondern die Pressefreiheit insgesamt.

Andrea Roth, Bayerischer Journalisten-Verband