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Netzwerkwissen: AR Video Experiences

Von Ann-Cathrin Schürholz

Was haben Backstage-Einblicke, Schleimkanonen und eine durchwühlbare Erinnerungskiste gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Tatsächlich sind sie jedoch alle Teil von Augmented Reality (AR) Video Experiences – einem Trend, der völlig neue Arten des Storytellings ermöglicht und dadurch die unterschiedlichsten Zielgruppen anspricht.

Dass in Augmented Reality (AR) großes Potenzial steckt, ist nicht erst seit gestern bekannt. Konzerne wie Apple oder Google betonen die grenzenlosen Möglichkeiten von AR bereits seit Jahren. Auch Forschungen und Studien zeichnen ein überwiegend positives Bild der Entwicklungen der sogenannten erweiterten Realität. So bekräftigt bereits die 2016 von Goldman Sachs durchgeführte Studie „Virtual & Augmented Reality: The Next Big Computing Platform?” nicht nur das generelle Wachstum der Technologie, sondern hebt vor allem die konsumentenorientierten AR-Bereiche Videogames, Live-Events und Video-Entertainment als vielversprechend hervor.

Heute – fünf Jahre nach Veröffentlichung der Studie – bestätigt sich die Annahme: Bewegtbildinhalte und AR wachsen zunehmend zusammen und gerade AR Video Experiences erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit. Das mag einerseits am Voranschreiten der Technik liegen. Technologische Entwicklungen wie das Echtzeit-3D-Grafik-Rendering und die verfügbare 5G-Konnektivität machen es Nutzer:innen so leicht wie nie, die AR-Technologie auch im privaten Kontext – zum Beispiel auf dem Smartphone – zu nutzen. Andererseits erkennen immer mehr Unternehmen das Potenzial von AR Video Experiences und probieren sich an diversen Content-Formaten aus.

AR-Storytelling in Serien

Ein relativ neues fiktionales Content-Format ist beispielsweise „For all Mankind: Time Capsule”. Das Pilotprojekt von Apple wurde im Februar gelauncht – pünktlich zur Erweiterung des Streamingdienstes Apple TV+ um die dafür nötige AR Funktion.

Bei dem Projekt handelt es sich um eine Lidar-gestützte AR-App zur Serie „For all Mankind”. Sie ermöglicht es Zuschauer:innen, tiefer in die alternative Geschichte der Serie einzutauchen und mit Objekten der Serie zu interagieren. So lassen sich über die App etwa eine digitale Kiste durchwühlen, die mit Erinnerungen der Serienfiguren gefüllt ist. Außerdem können Nutzer:innen der App einen alten Apple-Heimcomputer in Betrieb nehmen oder mit einem Diaprojektor historische Aufnahmen via Lidar-Aufnahmen passgenau an die Wand des eigenen Zuhauses projizieren.

Die AR-App dient nicht nur als Promo für die Serie. Indem sie Nutzer:innen linear durch den Inhalt führt und die in der Serie angeteaserten Objekte um Hintergrundinformationen anreichert, ist sie vielmehr der Versuch einer neuen, tiefergehenden Art des Storytellings.  

Apple: For all Mankind – Time Capsule | Quelle: Screenshots YouTube

Eine neue Art des Storytellings zeigt sich auch in einer exklusiv als AR-App bereitgestellten Folge der Animationsserie „Wallace & Gromit“. „The Big Fix Up“ heißt die Episode, für die sich das britische Studio Fictioneers und die Produzent:innen von „Wallace & Gromit“ zusammengetan haben. Gemeinsam haben sie sich einiges überlegt, um die Nutzer:innen in die Geschichte um die beiden Knetfiguren miteinzubeziehen.

Mittels erzählerischer und technischer Elemente wie Computeranimationen, Spielfunktionen und Comic-Strips können die User:innen etwa mit den Charakteren interagieren. Außerdem können sie in die Rolle von Mitarbeiter:innen der neuen Firma von Wallace und Gromit schlüpfen und sich durch Anrufe, Textnachrichten und AR-Features mitten im Geschehen fühlen.

Neue Zielgruppen dank AR

Beachtenswert ist auch der Ansatz, den der Kindersender Nickelodeon verfolgt. Um Sportevents für die junge Zuschauerschaft interessant zu gestalten, startete der Sender im Januar das Projekt „NFL on NickPlay“.

Dafür versah der Sender die Live-Übertragung des Wild Card Playoff-Spiels zwischen den Chicago Bears und den New Orleans Saints mit interaktiven Inhalten und unterhaltsamen AR-Elementen wie Schleimkanonen oder Spielern mit Glubschaugen. Nickelodeon verfolgte damit nicht nur das Ziel, den Kindern Football-Grundlagen beizubringen, sondern ermöglichte den Eltern, gemeinsam mit ihren Kindern ein Sportevent zu schauen, ohne dass diese sich langweilen.

Mehr Verbundenheit durch exklusive AR-Inhalte

Eine weitere Möglichkeit, Augmented Reality und Live-Videos zusammenzubringen, zeigt sich in der Kooperation der Event-Plattform First Tube Media mit dem der US-Lieferdienst Grubhub. Denn: Als erstes Unternehmen ergänzte Grubhub seine virtuellen Konzerte, die sogenannten „Grubhub Sound Bites“, um zusätzliche AR-Erlebnisse. 

Konkret sieht das Ganze so aus:  Zuschauer:innen, die sich die Live-Konzerte auf einem großen Bildschirm anschauen, können mit ihrem Mobilgerät QR-Codes scannen, um auf interaktive Inhalte zuzugreifen. Beispielsweise kann ein Blick hinter die Kulissen geworfen werden, an Gewinnspielen teilgenommen oder animierte Inhalte rund um die Musiker und Bands aufgerufen werden.

Durch das Eintauchen in den zweiten Bildschirm will First Tube Media Marken dabei helfen, unter ihrem Publikum eine Community aufzubauen und das Engagement der Zuschauer:innen zu erhöhen. Außerdem verschiebt diese Art von Web AR Immersion innerhalb eines digitalen Live-Erlebnisses die Grenzen des Fan-Engagements und schafft – gerade in Zeiten einer Pandemie – mehr Verbundenheit.

Pionierarbeit in Bayern

Auch bayerische Player begeistern zunehmend mit innovativen AR-Erlebnissen und leisten damit wahre Pionierarbeit. Ganz vorne mit dabei: Das Münchner Unternehmen eyecandylab, das gemeinsam mit Red Bull TV die weltweit erste AR-Implementierung für On-Demand-Streaming entwickelt hat. 

„The Last Ascent“ nennt sich die AR Video Experience von eyecandylab, bei der Zuschauer:innen hautnah dabei sein können, wenn Bergsteiger Will Gadd die Eiskappen des Kilimandscharos besteigt und dort mit den Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert wird. Gadds Expedition wird als lineare Videogeschichte auf dem TV-Bildschirm dargestellt und mit interaktiven 3D-Inhalten und zusätzlichen Videos, wie zum Beispiel den Erinnerungen an Gadds frühere Reise im Jahr 2014, ergänzt. Ähnlich wie bei „For all Mankind“ spielen die AR-Implantationen eine wichtige Rolle für die Storyline und ermöglichen es, noch tiefer in die Geschichte einzutauchen. 

Technisch funktioniert das Ganze durch das Scannen des TV-Bildschirms mit der RedBull TV App. Diese erkennt die einzelnen Szenen und ergänzt sie mit den jeweils relevanten AR-Inhalten. Damit sie direkt ins Wohnzimmer der Zuschauer:innen projiziert werden können, braucht es entweder ein Smartphone, Tablet oder eine AR-Brille.

eyecandylab & RedBull TV: The Last Ascent | Quelle: eyecandylab.com

Relevanz für die bayerische Medienbranche

Auch, wenn sich bereits einiges im Bereich AR getan hat, sind AR Video Experiences noch lange nicht am Ende ihrer Reise angekommen. Ganz im Gegenteil: Dadurch, dass die technischen Voraussetzungen für AR erst in den letzten Jahren für die breite Öffentlichkeit geschaffen wurden, wird die Relevanz noch weiter zunehmen.

Dadurch, dass AR Video Experiences sowohl integriertes Erlebnis, als auch Erweiterung von Bewegtbildformaten sein können, bieten sie zahlreiche neue Arten des Storytellings – sowohl für Live-Formate, als auch für On-Demand-Inhalte. Die Einsatzmöglichkeiten reichen von Doku über Animation bis hin zu Events. AR Video Experiences können also sehr unterschiedliche Zielgruppen erreichen. So lassen sich beispielsweise die jüngsten von witzigen Figuren begeistern, die als digitale Informationen Teile der realen Welt überlagern und sie dadurch erweitern. Andere schätzen nützliche Hintergrundinfos, die sie mithilfe von AR zu ihrer Lieblingsserie bekommen. Nicht zuletzt das Mobile Game Pokémon GO beweist eindrucksvoll, was für eine breite Masse sich nachhaltig durch innovative AR-Konzepte erreichen lässt. Den Trend im Blick zu behalten oder mit einzusteigen, lohnt sich.

Key Facts zu AR Video Experiences

Quellen & nützliche Links

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