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Gregor Schmalzried: „Die Welt, in der wir leben, ist ab sofort eine KI-Welt“

Von Ann-Cathrin Schürholz, 20. Februar 2024

Gregor Schmalzried ist freier Tech-Journalist, Autor und Speaker. Als Host des ARD-Podcasts „Der KI-Podcast“ beschäftigt er sich wöchentlich mit den kleinen und großen Fragen rund um künstliche Intelligenz. Wie er ChatGPT in seinen Arbeitsprozess integriert hat, was unterschätzte Chancen von KI sind und wie Schulen von KI profitieren können, erzählt er im Interview.

Gregor, du hast deinen Arbeitsprozess bereits auf KI umgestellt. Wie sieht das konkret aus?

Gregor Schmalzried: Wenn ich zwei Bildschirme habe, was der Fall ist, wenn ich nicht unterwegs bin, dann ist auf einem immer GPT-4, also ChatGPT Plus, geöffnet. Mein Arbeitstag ist voll mit Aufgaben, die für so ein Sprachmodell gut funktionieren. Man muss sie nur ein wenig „herauskitzeln“. Am Anfang tut man sich vielleicht noch etwas schwer damit. Aber je öfter man es ausprobiert und je mehr man schaut, was geht und was nicht, desto erfolgreicher wird man dabei. So kann man auch beim nächsten Mal, wenn man die KI mit ins Spiel bringt, besser vorhersagen, ob es funktionieren wird oder nicht.

Wo siehst du die größten Potenziale von KI in der Medienbranche?

Gregor: Für mich persönlich ist es das Bild eines extrem schnellen Praktikanten. Es ist wahnsinnig viel wert, wenn jemand einfach 400 Seiten von einem PDF durchliest oder eine sehr komplexe Google-Suche durchführt, wenn man ihn darum bittet. Natürlich könnte man diese Aufgaben mit genug Zeit selbst erledigen. Aber warum sollte man Zeit investieren, wenn es nicht sein muss? Ein Chatbot kann solche Aufgaben in einem Hundertstel der Zeit erledigen. Und mittlerweile kann dieser Chatbot auch ganz einfach an andere KI-Tools angeschlossen werden und ganze Workflows innerhalb eines geschlossenen Systems anstoßen. Das ist, wo wir jetzt gerade stehen, aber wer weiß, wo wir in zwei, drei Jahren sein werden. Wir sehen ständig, wie schnell sich alles entwickelt – wie letzte Woche bei der Vorstellung von OpenAIs KI-Videogenerator „Sora“.

Die größten Chancen sehe ich darin, KI für Aufgaben zu nutzen, in denen man als Individuum nicht so versiert ist.

Gregor Schmalzried

Welche Chancen von KI werden deiner Meinung nach oft unterschätzt?

Gregor: Ich glaube, es wird oft unterschätzt, wie KI-Tools menschliche Skills ergänzen können. Ein Problem, das Leute oft haben, wenn sie eine KI zum ersten Mal ausprobieren, ist, dass sie sie auf das testen, was sie selbst gut können. Wenn die KI nicht so gut ist wie sie, sind sie enttäuscht und denken, sie bringe ihnen nichts. Aber das ist falsch herum gedacht. Die größten Chancen sehe ich darin, KI für Aufgaben zu nutzen, in denen man als Individuum nicht so versiert ist. Dann kann man sich selbst hochskalieren und eigene Lücken füllen, die man sonst im Alltag hätte. 

Ich selbst bin zum Beispiel kein großer Excel-Held und kann nur ein wenig coden. Jetzt kann ich auf einmal anständig programmieren, weil ich die KI als Assistenten dabei habe, die mir hilft. Das führt nicht dazu, dass ich mich ersetzt fühle. Im Gegenteil: Ich fühle mich dadurch noch viel fähiger und mehr in der Lage, Dinge zu tun, die ich vorher nicht konnte. 

Als Host des wöchentlichen Podcasts „Der KI-Podcast“ für die ARD diskutierst du mit Marie Kilg und Fritz Espenlaub die Entwicklungen rund um KI. Welche Erkenntnis war für dich dabei besonders interessant?

Gregor: Wir haben den Podcast im Frühjahr vor fast einem Jahr als „Drosten-Podcast“ für die KI-Revolution gepitcht. Der Gedanke war, dass es einfach notwendig ist, dass es so etwas gibt, weil sich alles so wahnsinnig schnell entwickelt. Ende letzten Jahres, und vielleicht auch noch im Januar, gab es einen kurzen Moment, wo es so aussah, als ob die Entwicklung zwar immer noch relevant wäre, aber vom Tempo her etwas abnehmen würde. Es sah so aus, als bräuchten wir jetzt mehr inkrementelle Schritte und könnten kurz durchatmen. Dem ist nicht so. Für mich ist die interessanteste Erkenntnis gerade, dass das Tempo unerbittlich weitergeht – genauso wie wir es im letzten Jahr erlebt haben. 

Gregor Schmalzried bei den Chiemgauer Medienwochen

Du wirst bei den Chiemgauer Medienwochen, die sich um Medienpädagogik drehen, den Eröffnungsvortrag halten. Wie könnte KI die Bildungslandschaft in Zukunft beeinflussen?

Gregor: Die Welt, in der wir leben, ist ab sofort eine KI-Welt. Das, was real ist, ändert sich. Unser Verständnis der Realität, vor allem der digitalen Realität, wird nie mehr so sein, wie es vor ein paar Jahren war. Und da sind alle pädagogischen Einrichtungen der erste Ort, um damit umzugehen und sich dessen zu vergewissern.

Wie können Schulen von KI profitieren?

Gregor: Mit die ersten, die wirklich verstanden haben, wofür ChatGPT gut ist, waren Schülerinnen und Schüler. Zum Teil ging es natürlich darum, das System auszutricksen. Warum sollte man sich den Aufsatz selbst aus der Nase ziehen, wenn man ihn auch von einer KI schreiben lassen kann? Aber die KI kann auch bei Dingen helfen, die man als „richtig“ bezeichnen würde. Es gibt zum Beispiel Fälle von Kindern, die gelernt haben, die KI zu einer Art persönlichem Nachhilfelehrer umzubauen – also Tools, für die das teilweise gar nicht gedacht war. Da sind junge Menschen, Schülerinnen und Schüler, Studierende etc. immer schon sehr gut darin gewesen. 

Mit die ersten, die wirklich verstanden haben, wofür ChatGPT gut ist, waren Schülerinnen und Schüler.

Gregor Schmalzried

Ich glaube, dass in diesem Prozess wahnsinnig viel Kreativität freigesetzt wird. Das zwingt uns natürlich dazu, darüber nachzudenken: Wie sieht das Bildungssystem der Zukunft aus, wenn jeder per Knopfdruck einen Aufsatz generieren kann? Was bedeutet das für die Art und Weise, wie wir Wissen testen und abfragen? 

KI kann auch ein totaler Boost für all diejenigen sein, die mit den traditionellen Lehrmethoden weniger gut zurechtkommen. Nicht jeder ist für Bücher und Frontalunterricht gemacht. Manche entdecken plötzlich die Möglichkeit, Fähigkeiten zu erlernen, die ihnen vorher gar nicht zur Verfügung gestanden wären. Ich glaube, im Umgang mit diesen Technologien ist es wichtig, möglichst viel Freiraum zu lassen, weil jeder sie anders benutzt.

2023 war das KI-Jahr. Wie schätzt du die Entwicklungen für 2024 ein? 

Gregor: Noch vor einer Woche hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass dies das Jahr der Implementierung sein wird. Das heißt, letztes Jahr haben wir alle experimentiert und geschaut, was KI kann, und dieses Jahr geht es darum, KI tatsächlich einzusetzen. Ich glaube, da ist noch etwas dran, denn die größten Hürden für den Einsatz sind nicht unbedingt technischer Natur, sondern mittlerweile vor allem Organisation und Regulierung. Das Hauptproblem, das ich meistens von Unternehmen höre, ist nicht, dass die KI nicht gut genug ist für das, was sie damit machen wollen, sondern dass sie nicht sicher sind, ob sie das, was sie damit machen wollen, auch dürfen. Dieser Prozess braucht Zeit und ich gehe davon aus, dass in diesem Jahr viel passieren wird. 

Gleichzeitig glaube ich, – nach dem, was in der letzten Woche passiert ist – dass wir in einem konstanten Status der Überraschung unterwegs sein werden. Man weiß nie, was als nächstes um die Ecke kommt und jedem, der sagt „KI wird aber nie XY machen“, würde ich entgegnen: Da würde ich mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen.

Gregor Schmalzried bei den Chiemgauer Medienwochen

Synthetische Texte, Bilder, Videos und Audios prägen das Internet — sie verstopfen Amazon-Reviews, Google-Ergebnisse und YouTube-Videos. Aber nicht aller KI-generierte Content ist wertloser Spam. Immer öfter — das zeigen Untersuchungen — bevorzugen Menschen sogar synthetische Inhalte. In seinem Impulsvortrag bei der offiziellen Eröffnung der Chiemgauer Medienwochen am 5. März zeigt Gregor Schmalzried auf, was der KI-Medienwandel für Gesellschaft, Bildung und Medienpädagogik bedeutet.

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