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Maike_Körner_Wissenschaftliche Mitarbeiterin, M.A., Lehrstuhl für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt

Maike Körner: „Journalist:innen müssen bezahlt werden, um Meinungsfreiheit zu gewährleisten“

von Katja Schwengler, 1. Dezember 2022


Wie beeinflussen Innovationen im Journalismus die journalistische Qualität und in Folge die Öffentlichkeit in der demokratischen Gesellschaft? Dazu forscht Maike Körner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt mit Schwerpunkt Innovation und Transformation, in einem internationalen Team. Welche Innovationen die wichtigsten sind, erklärt sie im Interview. Bei unserem Live-Event „Media Date – Next Level Digital Publishing“ stellt sie weitere, interessante Studienergebnisse vor und zeigt die Vorteile für Regional- und Lokalmedien auf.

Liebe Maike, Innovation ist ein beliebtes Buzzword in der Medienwelt. Als Mitarbeiterin beim internationalen „JoIn-DemoS“-Projekt (Journalism Innovations in Democratic Societies) forschen Sie zu aktuellen Entwicklungen im Journalismus. Stellen Sie uns das Projekt kurz vor.

Maike Körner: Mit dem Projekt “JoIn-DemoS” erforschen wir als internationales Team aus 20 Kommunikationswissenschaftler:innen aus fünf beteiligten Ländern die wichtigsten Innovationen im Journalismus im Zeitraum von 2010-2020. Dabei gehen wir unter anderem der Frage nach, welchen Einfluss Innovationen auf die journalistische Qualität haben. Mittels Expert:innen-Interviews und Case-Studies haben wir so nicht nur länderübergreifende Muster erkannt, sondern konnten die 20 wichtigsten Innovationen, sowohl national als auch international, auf dem Gebiet herauskristallisieren.

Welche Innovationen zählen zu den wichtigsten generell – und speziell für lokale und regionale Medienhäuser?

Maike: Eine der wichtigsten Innovationen ist der Datenjournalismus. Dabei sammeln, prüfen, bewerten und interpretieren Redaktionen Daten und bereiten diese (interaktiv) visuell leicht nachvollziehbar für ihre Leserschaft auf. So können auch komplexe Themen dargestellt werden. Die Pandemie ist hier ein gutes Beispiel: Durch Erhebung der Impfzahlen oder des Infektionsgeschehens konnten sich Leser:innen immer über den aktuellen Stand informieren. Auch das Engagement auf Basis von Nutzer:innen-Daten sehen unsere Expert:innen als wichtige Innovation an. Redaktionen haben dadurch die Möglichkeit nachzuvollziehen, über welche Kanäle Leser:innen auf einen bestimmten Artikel aufmerksam wurden oder welche Themen am meisten angeklickt wurden. Vor allem im Lokaljournalismus lohnt es sich, Leserdaten zu nutzen, um das Verhalten der Leser:innen besser zu verstehen und mit entsprechendem Content darauf zu reagieren. Ebenfalls relevant für Lokalredaktionen sind neue Formen der Bürger:innen-Beteiligung: Durch digitale Innovationen können sich Redaktionen und Leser:innen einfacher austauschen, die Hemmschwelle für Leser:innen, sich zu engagieren, ist niedriger. Auch durch Online-Umfragen können Lokalredaktionen besser auf ihre Leserschaft eingehen. 

Der kollaborative, investigative Journalismus spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Investigativer Journalismus ist an sich nichts neues, dass nun jedoch über (Länder)Grenzen hinweg zusammengearbeitet wird, ist neu. Der Cross-Border-Journalismus als Innovation ermöglicht dabei einen besseren Zugang zu relevanten Daten; durch die engere Zusammenarbeit können diese auch schneller ausgewertet werden. An der Enthüllung der Panama-Papers haben beispielsweise 376 Journalisten aus 76 Ländern zusammengearbeitet. Nur dadurch war es möglich, eine weltweite Debatte über Geldwäsche und Briefkastenfirmen zu führen und entsprechende Gesetze anzustoßen.

„Vor allem im Lokaljournalismus lohnt es sich, Leserdaten zu nutzen, um das Verhalten der Leser:innen besser zu verstehen und mit entsprechendem Content darauf zu reagieren.“

Maike Körner

Welchen Einfluss haben diese Innovationen auf den professionellen Qualitätsjournalismus und damit auf die Öffentlichkeit in einer demokratischen Gesellschaft?

Maike: Durch die Innovationen im Journalismus erhalten Bürger:innen in demokratischen Gesellschaften durch niederschwellige Angebote Zugang zur “Vierten Gewalt” und somit auch mehr Einflussmöglichkeiten. Zudem lassen sich dadurch mehr Themen und Meinungen abbilden, was wiederum für mehr Vertrauen der Leser:innen in “die Medien” und mehr Engagement in der Gesellschaft sorgt. Für die Redaktionen steigern die Innovationen die journalistische Qualität und bieten die Möglichkeit, neue Strukturen und Arbeitsweisen zu schaffen, um den Workflow zu vereinfachen und zu priorisieren. Das kann beispielsweise heißen, dass das Prinzip “Online First” herrscht, im Printbereich jedoch ebenfalls relevanter Content stattfindet, jedoch ausführlicher. 

Paid Content und Paywall beendeten die „Gratismentalität“ im Internet. Welche Auswirkungen haben diese Bezahlmodelle auf Redaktionen?

Maike: In unserem Forschungsprojekt haben wir dazu mehrheitlich positive Rückmeldungen erhalten. Dazu zählen der verstärkte Austausch zwischen Redaktionen und Marketingabteilungen, was vor allem in Bezug auf die Datenerhebung relevant ist: Welcher Artikel wurde von welcher Zielgruppe am häufigsten angeklickt? Daraus lassen sich Themen ableiten, bei denen man in die Tiefe gehen kann oder die man anders aufbereiten muss, um (s)eine Leserschaft besser zu erreichen. 

Auch die Definition von neuen Workflows wird positiv bewertet. So werden neue Stellen geschaffen, um die Daten zu erheben, was zu mehr Möglichkeiten für Innovationen und dadurch zu besserer, journalistischer Qualität führt. 

Davon abgesehen lässt sich die “Gratismentalität” in der Gesellschaft manchmal noch schwer abbauen. Aber: Journalist:innen müssen bezahlt werden, um qualitativ hochwertigen Journalismus und Meinungsfreiheit zu gewährleisten. 

Vielen Dank für das Gespräch!

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